Berggruen-Wochen beim Spiegel

Der Milliardär Nicolas Berggruen unterhält sich eine eigene Denkfabrik, um Ideen und Intellekt zu fördern. Der Spiegel nimmt das zum Anlass, darüber zu berichten. Doch es kommt nicht eine der intellektuellen Kräfte des Instituts mit ihren Ideen zu Wort, sondern ausschließlich Berggruen. Der Journalist Matern von Boeselager interessiert sich nicht für das Institut, sondern für den Milliardär, dem das offensichtlich behagt. Es geht also nicht um Ideen und intellektuelle Leistungsfähigkeit, sondern Berggruen um Selbstdarstellung, während der Spiegel sich offenbar wie ein billiges Wochenblatt glücklich schätzt, wenn er exklusiv vom Alltag eines Milliardärs berichten darf. Das Institut ist ein reines Accessoire.

Irritierend wirkt auch der vorgeschobene Anlass für das Portrait: Berggruen mache eine „rätselhafte Figur“, weil er eine Denkfabrik finanziert. So ungewöhnlich ist das eigentlich nicht: Die Koch-Brüger betreiben mit dem Cato Institute und dem Atlas Network seit Jahrzehnten ein ganzes Netzwerk an Think Tanks. Mit der geballten Finanzkraft der fossilen Industrie torpedieren sie Fortschritte mit gezielten Desinformationskampagnen beim Klimaschutz. Narrative, die auch der Spiegel in seiner Berichterstattung gerne übernommen hat. Beim Berggruen Institute will er anscheinend noch nicht einmal wissen, was es eigentlich treibt. Aber wozu dann der Artikel?

Der Artikel bildet eine Fortsetzung der seltsamen Berggruen-Wochen beim Spiegel. Erst vor wenigen Wochen wurde der Hedgefond-Manager als einzige namhafte Stimme zur Wirtschaftsentwicklung in den USA herangezogen und im Sommer zum Thema KI und Kapitalismus. Alles wirkt, als ginge es um ein positives Priming von Berggruen. Wir werden sehen wofür?

 

Vom Patriotismus zum Nationalismus

Allegory of PATRIOTISM (1840) by Francisco Perez del Valle. Detail of the Monument to the Fallen for Spain in Madrid.

Was sagt es über den Zustand unserer Kulturwissenschaften aus, wenn die emiritierte Professorin Aleida Assmann die USA als positives Beispiel für gelebten Patriotismus heranzieht? Und was über den Zustand unserer journalistischen Landschaft, wenn das führende Wochenmagazin Spiegel mitten in der Ära Trump ihr dafür Raum gibt?

Wir Leben in einer Zeit, in der der Nationalismus sich wieder anschickt unser aller Leben zu bestimmen und immer mehr auch zu vernichten. Diktatoren, Autokraten und Möchtegern-Autokraten in aller Welt machen sich nationalistisch motivierter Gefolgschaft zu Nutze, um Kriege anzuzetteln, Andersaussehende und -denkende zu schikanieren und diskriminieren, den Rechtsstaat auszuhölen und den gesellschaftlichen Frieden zu zerstören.

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Entlarvende Antwort vom Spiegel

Wenn es dann doch mal eine Antwort auf einen Leserbrief gibt, dann fällt diese entlarvend aus. Anders als der Spiegel das mittlerweile handhabt, werde ich diesen nicht ohne Freigabe veröffentlichen, sondern nur meine Antwort:

Vielen Dank für Ihre Antwort! Da stellt sich doch gleich die Frage: Ist es nun überraschend oder symptomatisch, dass ich nach all meinen Leserbriefen ausgerechnet auf denjenigen eine Antwort bekomme, der den Spiegel auf die Schippe nimmt? Wenn ich Ihre Antwort so lese, könnte durchaus der Eindruck entstehen, dass Ernsthaftigkeit und argumentative Sachbezogenheit nicht so hohe Wertschätzung genießen.

Wie kommt es etwa, dass Sie mir online verstreute Artikel zu Gesundheitsthemen nennen, wenn ich die Auswahl und Attitüde der Artikel in einem Sonderheft kritisiere? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es wäre übrigens wirklich erschreckend, wenn Sie beim Spiegel keine fünf Artikel gefunden hätten, die sich ernsthaft mit Gesundheitsthemen befassen. Spannender dürfte werden, ob da in den nächsten Jahren noch welche dazu kommen.

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Zweiklassenmedizin jenseits des Lagerdenkens

Im aktuellen Spiegel endlich mal ein Artikel zur Zweiklassenmedizin, bei dem Fakten zusammengetragen werden, um Leser darüber zu informieren. Hier wird eine wahrheitsgemäße Berichterstattung angestrebt und nicht eine herbeiphantasierte Scheinneutralität für die jedes Lager zu Wort kommen darf, gleichgültig ob das inhaltlich haltbar ist. Nicht Personen und Parteien stehen im Mittelpunkt, sondern die Problemlage. Es wird nicht in politischen Lagern, sondern in Lösungsansätzen gedacht.

Es wäre noch ein Vergleich mit anderen Ländern wünschenswert gewesen, um zu sehen, wie das anderswo gelöst wird. Denn es ist kein Wunder dass TK-Chef Jens Baas die Staatsferne der PKV lobt, um sich so für die Aufrechterhaltung der Krankenkassen auszusprechen, obwohl es nicht effizient sein kann, dass wir auch in der GKV die bürokratischen Wasserköpfe von dutzenden Krankenkassen ohne Leistungsunterschied mit unseren Beiträgen mit durchfüttern. In manch anderen Ländern gibt es das nicht.

In jedem Fall hängt das allgemeine Niveau des Gesundheitssystems davon ab, wie diejenigen behandelt werden, die darüber entscheiden. Deshalb wird es sich erst dann merklich bessern, wenn die Abgeordneten die gleiche Behandlung erfahren, wie gesetzlich Versicherte.

Einseitiger Journalismus

Wie kommt es, dass in einem Spiegel-Artikel über die wirtschaftliche Entwicklung und die damit einher gehenden Sorgen der breiten Bevölkerung nach einigen interessanten Fakten plötzlich genau eine nahmhafte Stimme zu Wort kommt? Warum darf ausgerechnet der Hedgefond-Manager Nicolas Berggruen plötzlich wilde politische Spekulationen anstellen? Sollten in einer anspruchsvollen Zeitschrift nicht mehrere Perspektiven aufgezeigt und der Sicht eines Investors zumindest eine andere gegenüber gestellt werden? Wäre in diesem Wirtschaftsartikel nicht sogar eher eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Einordnung von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern ohne eigene finanzielle Interessen relevant gewesen?

In diesem Zusammenhang stellt sich die allgemeine Frage: Was können wir als Lesende tun, damit es einen Ort gibt, an dem zum Einen nicht einseitig berichtet wird, und zum Anderen keine widerlegten Scheinexperten heran gezogen werden, um mit aller Gewalt eine andere Perspektive anzuführen, wie das beim Thema Klima-Erwärmung immer wieder gemacht wurde? Wie bekommen wir einen faktenbasierten und argumentativ achtsamen Journalismus?

Der anmaßend „unparteiische“ Sprachrohr-Journalismus

„Journalismus darf nicht parteiisch sein“, sagt René Pfister im Streitgespräch mit seiner Kollegin Ann-Katrin Müller vom Spiegel und spricht damit aus, worauf sich viele Journalisten berufen. Die Aussage ist Unverfrorenheit und Anmaßung in einem. Das gilt nicht nur für dieses Gespräch, sondern für einen derart auftretenden Journalismus allgemein.

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Gefühliger Journalismus

Da werden ein Hausbesetzer, ein Imbissbudenbesitzer, ein Kioskbesitzer, ein Taxifahrer und ein Schäfer besucht, um über die Lage in Berlin zu berichten. Was soll das werden? Repräsentativ bestimmt nicht! Ist in Redaktionen unbekannt, welchen Tätigkeiten die Menschen überwiegend nachgehen? Wohl kaum. Warum also diese Leute? Nur weil sie leicht ansprechbar waren? Weil man einfach zu ihnen gehen kann? Ist das der Grund?

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Journalistische Nabelschau

Dank einem Artikel von Xaver von Cranach über Robert Habeck wissen wir jetzt, wie der Ex-Wirtschaftsminister Rad fährt und sich kleidet. Dass das reicht, um den Artikel in der Rubrik Kultur unter zu bringen, ist dann doch ernüchternd. Könnten wir dann vielleicht mal wieder anfangen, uns für Inhalte statt für Menschen und Klatsch und Tratsch zu interessieren. Gerne auch für kulturelle Inhalte. Aber bitte ohne journalistische Nabelschau, die mit sich selbst hadert. Das tut sie zwar zu recht, ist aber weder erbaulich noch erhellend.

Abgedroschene Floskeln und Appelle

Ist das alles, was der Spiegel in einem Essay aus dem eigenen Hause noch zu bieten hat? Roland Nelles unterbreitet über eineinhalb Seiten einen allgemein bekannten Lagebericht inklusive Historie der Bundesrepublik, um dann auf der letzten halben Seite zu den üblichen Gemeinplätzen zu kommen, die schon Jahrzehnte auf den Buckel haben.

Nachdem er den Kanzler Friedrich Merz darum bemitleidet hat, dass sogar Parteigenossen seine Autorität untergraben, als hätte der das selbst nie getan, folgt die uralte unvermeidliche Formel für jede politische Parteidiskussion: „Weit schlimmer sind aber die Populisten von der AfD und der Linken. Sie versprechen einfache Antworten auf Fragen, für die es keine einfachen Antworten gibt. Sie lügen ihre Wähler an.“

Hat Nelles den Wahlkampf von Merz verschlafen und die Jahre davor hinterm Mond verbracht? Merz macht Rekordschulden nachdem er zuvor Neuverschuldung abgelehnt hat. Er faselt von hocheffizienten Verbrennern, die physikalisch nicht möglich sind und behauptet ein Tankrabatt wäre eine Entlastung für die Bedürftigen, obwohl die Reichen am meisten Sprit verbrauchen. Markus Söder von der CSU hat Unwahrheiten über die Grünen verbreitet und träumt von Atomkraftwerken, die nicht realisierbar wären und unsere Strompreise trotz Subventionen durch die Decke gehen lassen würden. Bei der FDP suchte man nach Aufrichtigkeit ohnehin vergeblich.

Das Problem liegt nicht links und rechts allein, sondern auch in der Mitte. Insbesondere die Konservativen haben den Lügendiskurs der weltweiten Rechtsextremen übernommen und damit sich sowie der Demokratie ihr Grab geschaufelt. Doch Nelles fallen angesichts diesen dramatischen Verfalls politischer Ehrlichkeit nur längst abgedroschene Floskeln und Appelle ein. Die Ratlosigkeit der journalistischen Elite hallt immer lauter.

Dabei sind nicht alle schlecht in der Politik, doch manche Medienhäuser verfolgen eine andere Agenda und andere scheuen den Ruf der Parteilichkeit, wenn sie positiv hervorheben, wer bei der Wahrheit bleibt. Und so werden wahlweise Links und Rechts oder gleich alle Politiker in einen Topf geworfen. Wenn wir es nicht bald schaffen, Scharlatanerie und wohlmeinende Politik klar zu trennen, werden wir scheitern, denn dann setzt sich erstere durch.