Ausgerechnet jener Journalismus, der sich so reflektiert gibt, pflegt einen seltsam unreflektierten Fetisch. Weil Journalisten angeblich nicht mehrheitlich der AfD, FDP oder Union nahe stehen, soll es eine Schlagseite nach links geben. Das behaupten reichweitenstarke Medien und Publizisten, die rechts sind und arbeiten sich derart verbissen daran ab, dass sogar gemäßigte Zeitschriften wie der Spiegel dem Narrativ unwidersprochen die Bühne bieten.
Diejenigen, die vollmundig eine solche Schieflage beklagen, wissen natürlich, dass es nicht auf die Anzahl Journalisten ankommt, sondern auf deren Reichweite, wer und was gehört wird. Diese Erfahrung machen schließlich alle, die publizistisch aktiv sind. Sie wissen außerdem, dass der Kampf um Reichweite nicht fairen Spielregeln folgt, sondern der schlichten Logik von: „Wer hat, dem wird gegeben!“ Wer Reichweite hat, bekommt weiterhin mehr Aufmerksamkeit und wer Geld hat, kann auf sich aufmerksam machen.
Mittlerweile übernehmen finanzstarke Akteure immer größere Teile der Medienwelt: Milliardäre und Millionäre kaufen sich einflussreiche Plattformen und Medienhäuser, die sie dann auf Linie bringen. Damit können sie dann vorgeben, was die Massen zu hören und zu sehen bekommen, indem die kontrollierten Algorithmen und Redaktionen Unliebsamem keine faire Chance geben. Was Millionen Nutzer auf X, Fox News oder Bild präsentiert wird, hängt wesentlich von den redaktionellen Vorgaben ab – und die sind rechts, denn dort stehen unverhohlen deren Eigentümer: Musk, Murdoch und Springer. Alles andere geht im Getöse der großen Boulevard-Medien und Algorithmus-Plattformen weitgehend unter.
So kommt es, dass es in den Medien tatsächlich eine Schlagseite gibt – eine nach rechts. Wie groß diese Schlagseite ist, lässt sich daran erkennen, dass selbst gemäßigte Medien den rechten Fetisch übernehmen, rechtes Gedankengut sei systematisch benachteiligt, weil Journalisten überwiegend links seien. Wer heute noch glaubt, dass rechte Narrative zu wenig Aufmerksamkeit bekämen, ist bereits einem auf den Leim gegangen.
Wahr vs. falsch statt links vs. rechts
Wenn jenseits der unseriösen Medien eine Mehrheit der Journalisten tatsächlich nicht rechts sein sollte, dann könnte das auch ganz einfach an den schamlosen Methoden liegen, die eben dort Anwendung finden. Methoden, die mit Journalismus nichts zu tun haben. Da wird einseitig, tendentiös und verkürzt berichtet, ja teilweise rundweg gelogen. Wer nach journalistischen Grundsätzen arbeiten will, wird Mühe haben, das in einem Boulevard-Medium zu tun. Immerhin sind Fake-News keine exklusive Erfindung von Donald Trump, sondern gab es lange vor ihm bei Bild, Sun und Fox News.
Dabei hat sich die Vorgehensweise seit Jahrzehnten nicht verändert: Das Publikum mit Desinformation gegen selbst erwählte politische Gegner aufhetzen. Oftmals bedarf es dabei nicht einmal der Lüge, sondern es genügen einseitige Zuspitzungen, gezielte Auslassungen oder irreführende Formulierungen. Unseriöse Medien wollen nicht informieren, sie wollen den öffentlichen Diskurs bestimmen. Die Frage ist deshalb eigentlich nicht, warum viele Journalisten sich nicht rechts verorten, sondern warum die unseriösen Medien so oft rechts ausgerichtet sind.
Allerdings führt schon die Unterscheidung in die Irre, denn im Journalismus geht es nicht um links oder rechts, sondern um wahr und falsch. Wenn die Wahrheit nicht rechts ist, dann sollte es auch der Journalismus nicht sein. Das gleiche gilt natürlich auch dafür, wenn die Wahrheit nicht links ist. Wann immer aber die Wahrheit eine Seite bestätigt, darf der Journalismus nicht aus falsch verstandener Ausgewogenheit davor zurück schrecken, das zu benennen. Der Versuch, Neutralität zu wahren, darf nicht dazu führen, der Desinformation Vorschub zu leisten.
Wahrheitsgemäße Berichterstattung ist die einzige Form von Neutralität, die echter Journalismus kennt. Seine Aufgabe besteht darin, Fakten zu recherchieren und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Verlässliche Nachrichten sind der Grund, warum wir Zeitungen lesen. Die so gewonnen Informationen haben dann einen erheblichen Einfluss darauf, wie wir die Welt sehen. Journalismus bildet den Boden dessen, auf dem wir unsere Urteile bilden.
Genau das macht Desinformationen so fatal: Wenn wir falsch informiert werden, machen wir uns ein falsches Bild von den Dingen. Zugleich macht das Desinformation auch so interessant: Mit ihr lassen sich viele Leute manipulieren – vorausgesetzt, man verfügt über genügend Einfluss, um breit zu streuen. Lukrativ ist das für diejenigen, die an der vollen Wahrheit kein Interesse und die nötigen Ressourcen haben. Desinformation ist das Gegenteil von Journalismus, zugleich ist sie dort am wirksamsten, wo der Journalismus zu Hause ist: in den Medien.
Die fatale Abhängigkeit der Medien
Wer immer die öffentiche Meinung manipulieren will, wird versuchen, Einfluss auf und über die Medien zu nehmen. Unglücklicherweise sind diese dafür sehr empfänglich: Denn so sehr sich Journalisten der wahrheitsgemäßen Berichterstattung verpflichten, so sehr bedürfen die Medienhäuser, für die sie arbeiten, der Finanzierung. Nur wenige bauen dabei allein auf Abonnements. Viele sind von Werbegeldern abhängig und manche sogar komplett von reichen Finanziers, wie etwa das neue Portal Nius.
Darunter leidet zwangsläufig die Wahrheit: Denn wer wird schon leichtfertig veröffentlichen, was seinen Einnahmequellen schadet? Umso höher die Zuwendung von Werbekunden oder Mäzenen, desto ausgeprägter fällt der vorauseilende Gehorsam aus. Die wenigsten wagen zu kritisieren, wovon ihre Gehälter gezahlt werden.
Zusätzlich suchen finanzkräftige Konzerne nach immer neuen Wegen, um die öffentliche Wahrnehmung zu beeinflussen. Schon die Tabakindustrie bemühte sich um eine Normalisierung im Fernsehen einerseits und das Sähen von Zweifeln an wissenschaftlichen Ergebnissen andererseits. Erwartungsgemäß noch größere Dimensionen nehmen Desinformationskampagnen an, wenn keine Spartenindustrie, sondern große Teile der Wirtschaft betroffen sind und genau das ist bei der Klimakrise der Fall. Die Wahrheit über die Folgen des Fossilismus bedroht die Gewinne weiter Teile der modernen Wirtschaft: Öl-, Gas-, Automobil-, Luftfahrt-, Energie-, Logistikindustrie und Tourismus konnten kein Interesse daran haben, dass die Menschen die heraufziehende Katastrophe in ihrer ganzen Tragweite erfassen.
Über Jahrzehnte hinweg waren die finanzkräftigsten Konzerne der Welt diejenigen, die mit dem Verfeuern fossiler Brennstoffe ihr Geld verdienen. Selbst wenn sie davon nur einen Bruchteil für Werbung, Spenden, Lobbyismus, Desinformations-Thinktanks usw. ausgaben, übertrafen sie alle konkurrierenden Budgets bei weitem. Diejenigen, deren Geschäftsmodell auf der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen beruht, verfügen über das meiste Geld, um Zweifel daran zu zerstreuen.
Und wenn man schon mal mehr Geld zur Verfügung hat als die Konkurrenz, dann kann man nebenbei noch die gewieftesten Rhetoriker anheuern, die für ein hübsches Salär bereit sind, ihrer Kunstfertigkeit die gewünschte Ausrichtung zu verleihen. Immerhin besteht für Sophisten seit dem alten Athen der ultimative Beweis für ihr rhetorisches Geschick darin, andere auch von abwegigen Ansichten zu überzeugen. Nur weil der Journalismus sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, heißt das noch lange nicht, dass all seine Vertreter diesem Ideal Folge leisten. Mit genügend Geld lassen sich jedenfalls eifrige Verfechter für jede beliebige Sache finden.
Ertrag der Unwahrheit
Sich nicht der Wahrheit zu verschreiben, bietet Medienhäusern aktuell enorme Vorteile. Sie bleiben damit attraktiv für die finanziell stärksten Werbekunden und erfahren darüber hinaus auch bereitwillige Unterstützung bei der Recherche. Die hervorragend ausgestattete Öffentlichkeitsarbeit der großen Konzerne und von ihnen geförderte Thinktanks versorgen Redaktionen und Politiker gerne mit gut aufbereiteten Informationen in ihrem Sinne – direkt oder auch über den Umweg der Flutung verschiedenster Kommunikationsplattformen bis hin zu wissenschaftlichen Auftragsarbeiten. Es ist leicht und lukrativ, der Linie der fossilen Lobby zu folgen.
Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass ein Ende des Fossilismus nicht nur die Gewinne mächtiger Wirtschaftskonzerne beeinträchtigt, sondern auch die Lebensgewohnheiten der Menschen, die im Wohlstand leben: Autofahrten, Flugreisen, Heizung des Eigenheims usw. Das Herunterspielen der Klimakrise kommt nicht nur den Werbekunden entgegen, es verschreckt außerdem nicht die Leserschaft. Denn die Leute lassen sich lieber in ihrem Lebensstil bestätigen als ihn in Frage stellen. Wer verbringt seine Fernreise nicht lieber unbeschwert anstatt sich mit einem schlechten Gewissen rumzuschlagen?
Die lieb gewonnenen Gewohnheiten der Leser und das Geschäftsmodell der fossilen Industrie gehen mit jenem der Medienhäuser eine unheilige Allianz ein. Die Lüge spielt ihnen allen in die Hände und einmal damit angefangen, verstärkt sie sich von selbst. Gefangen im Selbstbetrug würde eine Rückkehr zur Wahrheit einen immer größeren Gesichtsverlust bedeuten. Genau damit können die meisten Menschen nur schlecht umgehen. Zuzugeben, dass man falsch lag, zuzugeben, dass man für eine fatale Entwicklung mitverantwortlich ist, zuzugeben, dass man seinen Wohlstand mit der Zukunft unser aller Kinder erkauft hat, wer kann das schon?
Die Zwickmühle des Konservatismus
Konservative wollen ihren Status quo verteidigen. Deshalb verwundert es nicht, dass es heute schwer fällt, bei der Wahrheit zu bleiben. Denn nichts erfordert aktuell mehr Änderungsbereitschaft als die Bewahrung des Bestehenden: die Bewahrung unseres Wohlstands, unserer Arbeitsplätze und unserer Klimas kann nur gelingen, wenn wir zu Änderungen bereit sind. Wir müssen unsere Arbeitsroutinen, unser sicher geglaubtes Wissen und unser Konsum- und Freizeitverhalten hinterfragen und ändern, um eine Zukunft zu haben. Wenn wir weiter machen, wie gewohnt, folgt unweigerlich der Niedergang bis hin zur Katastrophe. Wenn wir den Anschluss an Digitalisierung und Elektrifizierung verlieren, wird unsere Wirtschaft nicht bestehen können, und wenn wir dem Klimawandel durch Verhaltensänderungen keinen Einhalt gebieten, werden wir unserer Lebensgrundlagen verlustig gehen.
Wer nichts ändert, sieht der Zerstörung dessen zu, was erhalten werden sollte. Und wer Veränderungen fordert, rüttelt an eben jene Gewohnheiten, die wir lieb gewonnen hatten. Der Konservatismus steckt in einer Zwickmühle: Egal, was wir tun, nichts wird bleiben, wie es war. Die Frage ist nur, ob wir für ein paar weitere Jahre fossile Bequemlichkeit, die Zukunft unserer Kinder opfern.
Das Konservatismus-Paradox
Es ist nicht so, dass die Wahrheit links wäre. Es ist so, dass der fossil befeuerte Wohlstandskonservatismus sich selbst unmöglich gemacht hat. Er mündet in eine Paradox. Sein Weiter-So wendet sich direkt gegen den Erhalt des Bestehenden: wirtschaftlich, gesellschaftlich und klimatisch. Die Industrie von gestern, wird morgen nicht bestehen können. Nach hundert Jahren Ausreizung des Verbrennungsmotors, folgt nun eine Elektrifizierung auf allen Ebenen. Nach achtzig Jahren Kapitalismus, wischt die digitale Plattformwirtschaft und Automatisierung überkommene Geschäfts- und Beschäftigungsmodelle beiseite. Nach zweihundert Jahren bequemen Verbrennens fossiler Energie wird das Wetter zunehmend ungemütlich.
Konservative wenden sich von der Wahrheit ab, weil die ihren Lebensstil bedroht. Rechte Medien und Politiker nehmen sich dankbar dieser Disposition an, weil sie ihrem Geschäftsmodell in die Hände spielt. Fossile Industrien befeuern diesen Trend (buchstäblich) gerne, weil er ihnen Gewinne beschert.
Die erfolgversprechende Methode der Boulevard-Medien bestand immer schon darin, ihrem Publikum ein gutes Gefühl zu geben: die Menschen sollen sich nicht dumm, nicht moralisch schlecht, nicht ausgeschlossen, nicht minderwertig fühlen und auf ihr Leben und ihren Lebensstil stolz sein können. Kurzum: Sie sollten Bestätigung erfahren. Das lässt sich am einfachsten bewerkstelligen, indem man Feindbilder schafft: die wahren dummen, bösen, abartigen, minderwertigen Menschen, mit ihrem verabscheuungswürdigen Lebensstil – die Ausländer, Sozialschmarotzer, Queeren, Muslime und Juden. Hinzu kommen noch diejenigen, deren pure Existenz dazu führt, sich dumm oder unmoralisch zu fühlen: Intellektuelle, Sozialisten und Umweltschützer.
Wer der Wahrheit ins Auge blickt ist aus Sicht der Rechten automatisch links. Sie wollen nicht wahrhaben, dass das, was sie tun, unweigerlich in die Katastrophe führt. Und wer sie darauf hinweist, ist automatisch ihr Feind. Was die rechten links nennen, ist nicht links. Da ist nichts Revolutionäres, nicht Sozialistisches, noch nicht mal etwas Sozialdemokratisches. Da sind lediglich Menschen, die unsere Zukunft sichern wollen, indem sie den Umstieg auf zukunftsträchtige Technologien fördern wollen: Sowohl als Motor der Wirtschaft als auch im Gebrauch durch die Endverbraucher. Sogar das Heizungsgesetz, aus dem Medien und Politiker einen Skandal gemacht haben, beruhte zum Einen auf lange vorher durch alle Parteien mitgetragenen Vorbereitungen und enthielt zum anderen die Verbote nicht, die ihm angelastet wurden. Zugleich schrecken eben jene Parteien nicht vor neuen Verboten zurück, wo es völlig harmlos um Sprache und Ernährung geht: Gender-Sternchen und Hafermilch müssen verboten werden.
Verstrickt in ihr Paradox werden die Konservative sich eher radikalisieren als ihre Haltung ändern. Sie werden die Schuld eher bei anderen suchen als bei sich selbst. Sie werden eher der schmeichelnden Lüge folgen als der bestürzenden Wahrheit. Der Osten Deutschlands geht hier nur deshalb voran, weil westdeutsche Verbrennerautos, Flugreisen und Verfügungsgewalt über (Wohn-)Eigentum die Verheißungen des Kapitalismus waren, nach denen sie sich sehnten. Jetzt fürchten sie sich und immer mehr Westdeutsche ebenfalls davor, dass genau das ihnen wieder genommen wird.