Da werden ein Hausbesetzer, ein Imbissbudenbesitzer, ein Kioskbesitzer, ein Taxifahrer und ein Schäfer besucht, um über die Lage in Berlin zu berichten. Was soll das werden? Repräsentativ bestimmt nicht! Ist in Redaktionen unbekannt, welchen Tätigkeiten die Menschen überwiegend nachgehen? Wohl kaum. Warum also diese Leute? Nur weil sie leicht ansprechbar waren? Weil man einfach zu ihnen gehen kann? Ist das der Grund?
Ja, so ein gefühliger Journalismus ist wirklich praktisch: Man muss für die Recherche noch nicht mal seinen Alltag abwandeln. Morgens schaut man kurz bei den obdachlosen Hausbesetzern nebenan vorbei, mittags bei der Curry-Wurst und abends beim Späti noch ein bisschen mit dem Ladenbesitzer plaudern und beim Sonntagsausflug mal den Schäfer ansprechen, über den man schon immer mal mehr wissen wollte. Fertig ist die Reportage. Gefühliger geht’s nicht, nichtssagender auch nicht.
Wo sind sie hin all die gut recherchierten Artikel, die uns jene Informationen aufbereitet liefern, um uns ein sachlich adäquates Bild zu machen? Wo ist der Artikel darüber, wie die Linke die Vergesellschaftung bezahlen will? Und wo der, der uns daran erinnert, wie es zum Verkauf der Berliner Wohnungen an Vonovia kam? Wo der über die Verteilung antisemitischer Einstellungen nach Parteipräferenz? Und wo jener über die Hintergründe der Fördergeldaffäre? Wo ist der Artikel über Verbindungen ins kriminelle Milieu der Parteien generell? Die Clans auf der einen Seite und die behinderten Steuerfahnder auf der anderen?
Nicht nur über Berlin bräuchte es mehr Informationen: Wo etwa ist die Aufstellung über klimaschädliche Subventionen? Wo die Gegenüberstellung finanzieller Einbußen des Staates durch Steuerhinterziehung und Sozialbetrug? Wo die Analyse des anteiligen Steueraufkommens von hohen versus mittleren versus niedrigen Einkommen? Und wo ist die Gefahrenanalyse durch die Vorstöße in Richtung Überwachungsstaat, obwohl der Faschismus immer mehr Macht erlangt?
Es gäbe so viele sachlich relevante Artikel zu schreiben, aber wir bekommen nur noch Gefühliges, als wäre das Netz nicht schon voll davon. Zeitschriften, wo seid ihr, die uns in der Sache informieren wollen? Wenn ihr mit dem Zeitgeist gehen wollt, müsst ihr TikToks machen und untergehen. Wenn ihr bestehen wollt, ist das der falsche Weg. Nur für den Fall, dass ihr es noch nicht mitbekommen habt: Diejenigen, die dem Zeitgeist folgen, lesen keine Zeitschriften und wenn sie das sehen, was ihr mittlerweile für Journalismus haltet, haben sie auch keinen Grund dafür. Denn das bekommen sie schon woanders.