
Wenn es dann doch mal eine Antwort auf einen Leserbrief gibt, dann fällt diese entlarvend aus. Anders als der Spiegel das mittlerweile handhabt, werde ich diesen nicht ohne Freigabe veröffentlichen, sondern nur meine Antwort:
Vielen Dank für Ihre Antwort! Da stellt sich doch gleich die Frage: Ist es nun überraschend oder symptomatisch, dass ich nach all meinen Leserbriefen ausgerechnet auf denjenigen eine Antwort bekomme, der den Spiegel auf die Schippe nimmt? Wenn ich Ihre Antwort so lese, könnte durchaus der Eindruck entstehen, dass Ernsthaftigkeit und argumentative Sachbezogenheit nicht so hohe Wertschätzung genießen.
Wie kommt es etwa, dass Sie mir online verstreute Artikel zu Gesundheitsthemen nennen, wenn ich die Auswahl und Attitüde der Artikel in einem Sonderheft kritisiere? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es wäre übrigens wirklich erschreckend, wenn Sie beim Spiegel keine fünf Artikel gefunden hätten, die sich ernsthaft mit Gesundheitsthemen befassen. Spannender dürfte werden, ob da in den nächsten Jahren noch welche dazu kommen.
Es zählt der „Eindruck“ von der Klimaberichterstattung
Dass nach Ihrem „Eindruck“ das Gleiche für die Klimaberichterstattung gilt, Sie aber keine fünf Artikel benennen, spricht Bände. Denn hier geht es nicht um Ihren Eindruck, hier geht es darum, was tatsächlich der Fall ist. Anscheinend ist Ihnen entgangen, dass der renommierte Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen dem Spiegel im Spiegel attestiert hat, über den Klimawandel miserabel berichtet zu haben, wobei einzelne Autoren eine klar zukunftsschädigende Agenda verfolgten. Erst für die frühen 2020er Jahre konnte er eine Verbesserung erkennen.
Tatsächlich kann auch ich mich als jahrzehntelanger Abonnent auch nur an sehr wenige Artikel erinnern, die Interesse an einer wahrheitsgetreuen Berichterstattung gezeigt hatten. Die Schieflage ist aber größer als Pörksen sie benannt hat. Denn Pörksen hat sich ausschließlich auf die Klimaberichterstattung bezogen und alles andere ausgeblendet. Bei vielen anderen Themenbereichen berichtet der Spiegel aber nach wie vor so, als gäbe es keine Klimakatastrophe. Die Scheuklappen wirken dabei manchmal so eng (oder auch werbefreundlich), als würde über die Sehenswürdigkeiten der Ukraine berichtet, ohne den Krieg zu erwähnen.
Das Schlimmste aber ist, dass seit Pörksens wohlwollender Kritik kein Artikel mehr zum Klimawandel erschienen ist, als wäre die Katastrophe abgewendet. Tatsächlich rückt sie immer näher und zeitigt immer mehr beunruhigende Nachrichten, die Sie einfach unerwähnt lassen. Wo ist der Artikel über die aktuelle Fieberkurve der Meere, die alle Klimaforscher alarmiert und jeden Laien beim puren Anblick erschrecken lässt? Wo ist der Artikel über die beschleunigte Abschwächung der AMOC (alias Golfstrom), die mit hoher Wahrscheinlichkeit das europäische Klima völlig durcheinander bringen wird, wenn wir nicht gegensteuern? Wo ist der Artikel über die seit Jahrzehnten betriebene Desinformation, deren Kosten für die Fossilindustrie bei ihren schwindelerregenden Gewinnen nur Peanuts sind während sie die Budgets aller an der Wahrheit Interessierten bei weitem übersteigt, wie Ihr Kolumnist Christian Stöcker längst offengelegt, der Spiegel aber trotzdem nie ausführlich abseits einer versteckten Online-Kolumne dargelegt hat?
Statt dessen Übernehmen Sie beim Heizungsgesetz nachweislich falsche Narrative und lassen sich von intriganten Politikern und Medien mit vor den Karren spannen. Ja, das Heizungsgesetz brauchte noch feinschliff, wie andere Gesetze im Entwurf auch, aber nichts davon war ein Skandal. Es wurde von der Vorgängerregierung angebahnt, war Bestandteil des Koalitionsvertrags, war der FDP lange vorab bekannt und wurde von ihr nicht beanstandet. Alles, was dann folgte, war belegbar eine Inszenierung und es wäre an Ihnen gewesen, das offen zu legen.
Übliche Weltuntergangswarnungen
Sie wollen Ihren Lesenden nicht nur die „üblichen Weltuntergangswarnungen“ anbieten? Hier hätten Sie die Chance gehabt: Sie hätten mitteilen können, dass mit dem Heizungsgesetz die Welt für niemanden untergeht. Härtefallregelungen waren vorgesehen und andere Länder haben es vorgemacht. Statt dessen haben auch Sie Lesern und Wählern etwas vorgemacht. Das Heizungsgesetz hätte ein Signal des Aufbruchs sein können, dass Klimaschutz und technologischer Fortschritt zusammen gehen, und dass Zukunftsfähigkeit leichter zu haben ist als immer dargestellt. Aber Sie wollten lieber die „üblichen Weltuntergangswarnungen“ der anderen mit befeuern. Angstmacherei war Ihnen lieber als Optimismus.
Es ist ebenso entlarvend wie erschreckend, dass bei Ihnen das Thema Klimawandel als einzige Assoziation „übliche Weltuntergangswarnungen“ weckt. Genau so berichten Sie auch. Dabei wäre es ein Leichtes, positive Meldungen zu machen. Während Sie immer noch der unaufhörlichen Atomkraftdebatte von Union und AfD auf den Leim gehen, ist weltweit die Angelegenheit längst entschieden, wenn Sie sich den Zuwachs an Kraftwerkskapazitäten anschauen. Es gibt keine Renaissance der Atomkraft, weil sie wirtschaftlich völlig aberwitzig wäre. Aber es gibt ein exponentielles Wachstum der Erneuerbaren, das jede andere Energieform längst weit überholt hat. Batteriespeicher sind mittlerweile so billig, dass Gaskraftwerke selbst in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr mithalten können. Sogar Experten haben die Geschwindigkeit der Entwicklung unterschäftzt. Bei der Antriebsart von Fahrzeugen ist das Rennen auch gelaufen und das unaufhörliche Festhalten an Verbrennern von Lobby und Politikern macht den Absturz der deutschen Autoindustrie nur umso unausweichlicher.
Wir haben alles, was es für eine klimaneutrale Zukunft bräuchte und es geht einfacher und billiger als gedacht. Erneuerbare Energie ist mittlerweile sogar billiger als fossile. Es gäbe genug Grund für positive Nachrichten. Nur leider ist die fossile Lobby ausgesprochen erfolgreich darin, mit dem Klimaschutz den Weltuntergang zu verbinden statt mit der Klimakatastrophe. Und die Medien assistieren seit Jahrzehnten. Das hat uns sehr viel wertvolle Zeit gekostet, die wir alle bitter bereuen werden.
Es wäre an der Zeit die wahrheitsgemäßen Weltuntergangswarnungen statt der herbeiphantasierten ernst zu nehmen und in aller Deutlichkeit darüber zu berichten. Und es wäre an der Zeit die Lösbarkeit der Probleme und die positive Entwicklung deutlich zu machen. Vor allem aber wäre es an der Zeit, nicht mehr denjenigen nach dem Mund zu reden, die an der Zerstörung des Planeten verdienen, und dem Publikum vor Augen zu führen, mit welchen Methoden hier gearbeitet wird.
Positiv zu lesende Texte
Wenn ich bei Ihnen lese, dass sie „neben den üblichen Weltungergangswarnungen auch einigermaßen positiv zu lesende Texte“ anbieten wollen, bringt mich das zur Verzweiflung. Für mich war der Spiegel immer ein Blatt, das keinen Bogen um unangenehme Fragen und Themen macht, das versucht seine Lesenden so zu informieren, dass diese über alle relevanten Informationen verfügen, um zu einer vernünftigen Einschätzung zu kommen. Es hat mich maßlos enttäuscht zu sehen, dass der Spiegel sich an der Verharmlosung der Klimakatastrophe beteiligt hat und so dazu beigetragen hat, dass ich selbst der fossilen Lobby auf den Leim ging.
In den letzten Jahren ist mir dann aufgefallen, wie es immer weniger um wahrheitsgemäße Berichterstattung geht, sondern um vermeintliche Neutralität. Es wurde offensichtlichen Falschbehauptungen Raum gegeben, statt belegte Erkenntnisse auszusprechen. Es wurde sich lieber einem vermeintlichen Zeitgeist angedient, als Fakten sprechen zu lassen. Der Spiegel scheint mittlerweile geradezu Angst davor zu haben, seinen Lesern reinen Wein einzuschenken.
Schonungslos berichtet er nur noch dort, wo er glaubt, keine Abonennten zu verlieren und da diese überwiegend aus der Boomer-Generation stammen, macht der Spiegel mittlerweile Boomer-Journalismus. Themen wie der Klimawandel sind deswegen ein heißes Eisen: Eine aufgrund ihre Zahlungskraft auch für die Werbung interessante Generation, die gerne teure Urlaubsreisen, Wochenendausflüge mit dem gewohnten Verbrenner und über Jahrzehnte hohen Fleischkonsum pflegt, will man nicht vor den Kopf stoßen.
So sehr das betriebswirtschaftlich verständlich ist, so wenig werden Sie mit dieser Strategie überleben. Sie werden damit den selben Weg gehen wie die deutsche Automobilindustrie. Statt vom Aufbruch in andere Zeiten zu profitieren und eine positive Zukunft zu entwerfen, werden sie vor lauter Schwarzmalerei den Absprung versäumen und Ihre Anhänger in irrationale Abneigung gegen notwendige Veränderungen hineinsteigern. Diejenigen Boomer, die Ihnen als Abonennten nicht wegsterben, werden vielleicht schon mit diesem Super-El-Nino, ziemlich sicher aber mit dem nächsten verstehen, dass das ins Verderben führt.
Boomer-Wohlfühl-Revue
Aber das ist nur die eine Seite: Wie wollen Sie Leser in Generationen finden, für die Sie nichts weiter mehr sind als eine Boomer-Wohlfühl-Revue? Die einzigen Intellektuellen, die bei Ihnen noch zu Wort kommen, stammen aus der Boomer-Generation. Da darf etwa ein Heinz Bude gleich mehrmals völlig haltloses Geschwätz von sich geben. Zugegeben auf rhetorisch gehobenem Niveau, allerdings auf Basis empirisch ebenso gehobener Einbildungskraft. Aleida Assmann darf ein Patriotismus-Verständnis pflegen, das mir noch aus den 1980er Jahren bestens vertraut ist, bei dem sie ausgerechnet die USA als Vorbild wählt. Hat diese Frau die letzten zehn Jahre hinter dem Mond verbracht? Glauben Sie wirklich, dass das die Lebensrealität irgendwelcher Menschen unter 50 wiedergibt?
Es fällt mir von Woche zu Woche schwerer, mein Abo gegenüber meinen Kindern zu rechtfertigen. Nun hat mich Ihre Antwort allerdings in meinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Ausgabe für Ausgabe stemme ich mich dagegen, dass der Spiegel als ernstzunehmende journalistiche Instanz wegfällt und schreibe Ihnen deshalb Leserbriefe, weil ihre Boomer-Ignoranz nicht nur beim Thema Klimaschutz immer absurdere Formen annimmt.
Offensichtlich ist alles vergebens. Sie wollen als Boomer-Wohlfühl-Revue noch ein bisschen die Lebenslüge dieser Generation umschiffen, damit sie auf ihren Kreuzfahrtschiffen kein schlechtes Gewissen haben müssen. Zusammen mit den Boomern wird dann auch die Erde langsam an Lebenswert verlieren, aber dann wird es um den Spiegel schon lange geschehen sein. Dabei bräuchten wir ihn mit seinen ursprünglich starken Prinzipien mehr denn je, um Demokratie und Zukunftsfähigkeit gleichermaßen zu erhalten. Noch einer Boomer-Wohlfühl-Revue braucht hingegen niemand.
Die Welt geht übrigens nicht weniger unter, nur weil man nicht darüber berichtet!