Der anmaßend „unparteiische“ Sprachrohr-Journalismus

„Journalismus darf nicht parteiisch sein“, sagt René Pfister im Streitgespräch mit seiner Kollegin Ann-Katrin Müller vom Spiegel und spricht damit aus, worauf sich viele Journalisten berufen. Die Aussage ist Unverfrorenheit und Anmaßung in einem. Das gilt nicht nur für dieses Gespräch, sondern für einen derart auftretenden Journalismus allgemein.

Unverfrorenheit

Ohne es explizit zu sagen, suggeriert Pfister damit, seine Kollegin sei nicht unparteiisch, was seiner Ansicht nach zugleich mit mangelnder Distanz und Sachlichkeit einher gehe. Als wäre das nicht unverfroren genug, wird es zu Ende gedacht noch schlimmer, denn: Wenn Journalismus nicht parteiisch sein darf, dann darf sich Müller wohl auch nicht Journalistin nennen.

Mit einem einzigen Satz spricht Pfister seiner Kollegien jegliche Kompetenz und berufliche Eignung ab. Er muss dafür inhaltlich noch nicht einmal etwas anführen. Es muss noch nicht einmal festestehen, ob Müller nun parteiisch und unsachlich vorgeht. Der Satz tut auch so seine Wirkung. Genau darin liegt die Unverfrorenheit.

Zugleich stellt sich Pfister selbst im besten Licht des unparteiischen, distanziert sachlichen Beobachters dar, auf dessen ungetrübte Neutralität Verlass sei. Auch hierfür genügt die Attitüde, um die Wirkung bei den Lesern nicht zu verfehlen. Es ist die Pose des Überlegenen im Gewande des Unparteiischen. Wie ein unbestechlicher Richter thront er über den Dingen und fällt in seiner selbsterklärten Unparteilichkeit Urteile – auch über seine Kollegin.

Nicht anders verfahren viele andere Journalisten, die Pfisters Auffassung vom journalistischen Handwerk teilen. Sie halten sich für völlig neutrale Beobachter, die ungetrübt die Welt zu spiegeln vermögen, wie sie nun einmal ist. So wenig, wie Pfister es merkt, dass er schon mit diesem Satz keine neutrale Beschreibung eines Sachverhalts abgegeben, sondern grundlos ein äußerst assymetrisches Urteil über sich und seine Kollegin gefällt hat, so wenig fällt seinen journalistischen Gesinnungsgesnossen auf, dass jede ihrer ach so neutralen Beschreibungen, bereits ein Urteil über die Welt enthält.

Einschätzungen als Fakten

Es gibt keine unparteiischen Beschreibungen der Welt, sondern nur solche, die ihre Ausgangspunkte offen legen und solche, die sie für gegeben halten, wie Pfister selbst beweist, wenn er schreibt:

„Für den Aufsteig der AfD gibt es reale politische Gründe. Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015. Den Dogmatismus in der Coronazeit.“

Wer solche Einschätzungen für eine unparteiische Benennung von Fakten hält, hat jede Distanz und Sachlichkeit bereits verloren. Weder ist die Renaissance des Rechtsextremismus ein rein deutsches Merkel-Phänomen noch kann man den Umgang mit Corona hierzulande ohne Weiteres dogmatisch nennen.

Ja, aufgrund der Epidemie gab es einschränkende Kontaktregeln. Doch von manchen Experten wurden noch rigidere empfohlen und von manchen Staaten auch umgesetzt. War das also nun ein dogmatischer, lockerer oder angemessener Umgang mit den Herausforderungen? Das ist genau jene Frage, die sehr unterschiedlich beantwortet wird, insbesondere angesichts der drohenden Konsequenzen bei einem laxen Vorgehen gegen Corona. Wer von Dogmatismus spricht, hat also ein parteiisches Urteil gefällt und nicht leidenschaftslos Fakten benannt.

Rechtspopulismus für eine Folge der Flüchtlingskrise 2015 zu halten, ist ebensowenig eine einfache Bestandsaufnahme, sondern bereits eine Lagebeurteilung, die unreflektiert das Narrativ der Rechten übernimmt. In anderen Ländern hat der Rechtspopulsimsus unabhängig davon an Popularität gewonnen und in Deutschland blieb er nach 2015 zunächst eine verlgeichsweise kleine Bewegung.

Als Treiber der Entwicklung macht die Wissenschaft denn auch eher die Übernahme rechter Narrative durch die Medien und andere Politiker aus. Also exakt das, was Pfister betreibt. Tatsächlich halten mittlerweile viele Migration für die „Mutter aller Probleme“ (Seehofer), weil es ihnen von Medien und Politikern ununterbrochen so suggeriert wird. Kein anderes Thema wird so häufig aufgegriffen und so stark an emotionalisierbaren Einzelfällen besprochen.

Sprachrohr-Journalismus

Ein Journalismus, der sich für unparteiisch hält, ist vor allem einer, der seine eigene Einschätzung mit Fakten verwechselt. Er macht sich seine Parteilichkeit nicht bewusst und ist so von sich eingenommen, dass er sich noch nicht einmal um Selbstreflexion bemüht. Sein Weltbild ist ihm so selbstverständlich, dass er nicht merkt, welche Annahmen ihm zu Grunde liegen. Es ist wie mit Coronaleugnern: So lange man sich von anderslautenden Argumenten fern hält, kann man sich im Besitz der Wahrheit wähnen.

Ohnehin spielen Argumente für einen solchen Journalismus keine große Rolle, denn Unparteilichkeit nehmen sie wörtlich. Es gibt kein wahr und kein falsch, keine guten und keine schlechten Argumente, sondern es gibt nur verschiedene Parteien, die Verschiedenes verlautbaren. Das einfach wiederzugeben, darin sehen unparteiische Journalisten ihre Aufgabe.

Das Resultat ist ein „he said, she said journalism“ ohne Extras: keine Recherche, keine Plausibilitätsprüfung, keine Reflexion, keine Einordnung. Da die Parteien ihre Positionen schon selbst kund tun, entsteht dadurch allerdings auch kein Mehrwert. Journalismus verkommt so zu einem Sprachrohr, das es im Zeitalter des Internet nicht braucht.

Entsprechend wenden sich Teile des Publikums enttäuscht ab, weil sie keine Lust haben, alles selbst zu recherchieren, zu durchdringen und zu analysieren. Sie wollen sich ein Urteil bilden, ohne selber zu Journalisten werden zu müssen. Sie wollen Argumente geprüft, Zusammenhänge aufgezeigt und Konsequenzen verständlich aufbereitet haben.

Was ist relevant?

Bei allen anderen hängt ihre Meinungsbildung dann komplett davon ab, wer bei welchem Thema wie zu Wort kommt. Im Sprachrohr-Journalimus erlangt die Auswahl der Gesprächspartner allergrößte Bedeutung, trotzdem geht er davon aus, dass sie nicht schwer fällt: geht es doch ganz einfach um „Relevanz“. Sein gesamtes Handwerk stützt er auf ein ziemlich dehnbares Kriterium mit Hang zur Beliebigkeit. Nicht selten kommt zu Wort, wer am lautesten schreit, das größte Spektakel veranstaltet, die markigsten Sprüche raushaut oder sonstwie für Aufsehen und Klickzahlen sorgt.

Im Sprachrohr-Journalismus dominieren Skandale, Tabubrüche, Sprücheklopfer, Kriminalfälle, Katastrophen und alle Arten von Unglücken. Der Sprachrohr-Journalismus ist der professionalisierte Schaulustige. Er ist immer dort, wo es etwas zu sehen gibt, und natürlich lässt er gerne alle wissen, dass er exklusiv dabei war und „ungefiltert“ unparteiisch berichtet.

Im Eifer des Gefechts fällt ihm dann gar nicht auf, was durch sein Verständnis von „unparteiischer Relevanz“ aus dem Blick gerät: Besonnenheit, Argumente, Analysen, Zusammenhänge. Ihn interessiert der konkrete Unfall, die Ursache und der Verursacher, weil das akut Relevanz hat. Nicht so sehr interessiert ihn, wie sich Unfälle allgemein vermeiden lassen, weil es dieses mühsame, stille Geschäft selten in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit schafft. Ihn faszinieren die späktakulären Einzelfälle, nicht die langweiligen Statistiken. Die aufrüttelnden Ereignisse, nicht die komplizierten Strukturen, aus denen sie resultieren. Auch im politischen Bereich fasziniert ihn der verwegene Brandstifter mehr als seine kleinlauten Opfer und die eloquente Skandalnudel mehr als der nüchterne Analytiker.

Anmaßung

Die Berufung auf Relevanz ist kein harter Maßstab, sondern Ausdruck einer selbstverliebten Anmaßung, die mit großer Selbstverständlichkeit von der Fähigkeit überzeugt ist, eigenhändig relevant von irrelevant unterscheiden zu können. Mangels tatsächlicher Kriterien verliert sie sich allerdings leicht in Beliebigkeit und im Zweifel in Sensationslust.

Wie wir im Rahmen der Klimadebatte erleben durften kommen dann fachfremde Wissenschaftler mit eigenwilligen Außenseiterpositionen zu Wort, die innerhalb der fraglichen Disziplin nicht ernst genommen werden. Natürlich nur damit die Leser sich ein eigenes Urteil bilden können, so das ewig vorgeschobene Argument dafür, dass man sich zum Sprachrohr perfider Scharlatarnerie gemacht hat, während die eigentliche Arbeit darin bestanden hätte, die Abwegigkeit aufzuzeigen und die Verbindungen zu zweifelhaften Lobbyverbänden offen zu legen.

Bequemer Journalismus

Das wäre freilich wesentlich aufwendiger. Wo echter Journalismus mühsame Recherche-Arbeit und eigenständige Analysen erfordert, da begnügt sich der Sprachrohr-Journalist damit, ein paar Telefonnummern zu wählen und O-Töne einzuholen, die dann für sich sprechen sollen. Praktischerweise kann man auf diese Weise auch keine Fehler machen, weil das alles praktisch ohne eigenes Zutun erfolgt und die Auswahl der Gesprächspartner ja durch ihre „Relevanz“ vorgegeben war. Der Sprachrohr-Journalismus ist auch ein bequemer Journalismus.

Die eigentliche Arbeit verlagert er einfach auf sein Publikum. Wenn es nach ihm geht, dann sollte sich auch in Sachen Naturgesetze ein jedes ein eigenes Bild machen und selbst darauf kommen (oder eben nicht), welche Auswirkungen CO2 in der Atmosphäre hat, um dann den Scharlatan eigenständig entlarven zu können. Wozu wir dann noch Wissenschaft, Expertise und Analysen brauchen, darüber kann ein solcher Journalismus natürlich keine Auskunft geben, wird sich mangels „Relevanz“ aber leider auch nicht nach Gesprächspartnern umsehen.

Nur wenn es um ihn selbst geht, dann kennt er die Antwort plötzlich selbst: Er werde gebraucht, weil er allein unparteiisch sei. Denn in seiner anmaßenden Selbstgerechtigkeit ist ihm nicht klar, dass er mit seinem Vorgehen Partei zunächst für diejenigen ergreift, die er zu Wort kommen lässt und gegen die, die er nicht zu Wort kommen lässt. Wenn er dann denjenigen, die tiefgehend analysieren, ebenso wenig Aufmerksamkeit schenkt, wie denjenigen, deren Überlegungen über eine schmissige Formulierung nicht hinaus gehen, dann ergreift er zudem Partei für den flotten Spruch gegenüber der besonnenen Abwägung, für die Emotion gegenüber der Reflexion. Er ergreift implizit Partei für ein Race to the Bottom, nicht weil er es explizit wollte, sondern weil sein Vorgehen das implizit mit sich bringt.

Mit keiner Sache gemein machen!

Formal will sich der Sprachrohr-Journalismus mit keiner Sache gemein machen, nicht einmal mit Kriterien für die Auswahl von Gesprächspartnern. Indem er sie nicht benennen kann, bleibt ihm nichts anderes übrig, als für relevant zu halten, was gerade ohnehin in aller Munde ist. Er ist ein reiner Verstärker dessen, was schon am lautesten hallt. Doch damit macht er sich stets gemein mit eben jener Sache, die auf sich aufmerksam zu machen versteht, gleichgültig woher das rührt: sei es Einsicht oder Einfluss, Überzeugungskraft oder Propaganda, Macht oder Geld.

Der Sprachrohr-Journalismus schenkt Gehör, was sich schon Gehör verschafft hat. Er kümmert sich weder um die Machtverteilung in der Welt noch um die in der Medienwelt. Er setzt eine Chancengleichheit voraus, von der er wissen könnte, dass sie nicht existiert, wenn er mehr tun würde als nur den Lautesten zuzuhören. Er macht sich mit keiner Sache gemein und lässt sich genau deshalb besonders leicht vereinnahmen von denjenigen, die seine Beliebigkeit und Sensationslust auszunutzen verstehen.

In seiner vermeintlichen Neutralität kennt der Sprachrohr-Journalismus auch keine Vorbehalte. Er posaunt einfach hinaus, was die zu sagen haben, die er für „relevant“ hält, gleichgültig ob es sich um Diktatoren, Verschwörer oder Faschisten handelt. Für ihn ist klar, dass Putin Relevanz hat, nicht jedoch, ob das für die kaum mehr vernehmbare Opposition gilt. Er ist bereit, unkommentiert die Worte eines Kriegstreibers zu verbreiten, aber nicht in der Lage, die Perspektive der durch ihn zu Tode gekommenen einzunehmen, die sich nicht mehr äußern können und mit ihrem Leben auch jegliche „Relevanz“ verloren haben.

Extreme Mitte

Trotzdem glaubt sich der Sprachrohr-Journalismus in seiner unparteiischen Haltung immun gegenüber Extremen. Denn wo könnte man unparteiischer sein als in der Mitte der Gesellschaft? Da er sich Politik nur als ein langes Kontinuum zwischen Links und Rechts vorstellen kann, liegt diese Mitte für ihn irgendwo zwischen CDU und FDP. Anstatt zu bemerken, dass eine solche Verortung bereits Partei für Positionen ergreift, die auch anders ausfallen könnten, glaubt er sich, offensichtlich überfordert von der Mehrdimensionalität der Politik, damit in einer neutralen Zone.

Tatsächlich aber stützt er damit das Selbstbild der CDU, die sich selbst für die Partei der Mitte hält. Wenn diese Mitte aber nun völkisch-rechte Positionen übernimmt und die Mehrheit mit sich reißt, wenn diese Mitte plötzlich eine Haltung übernimmt, die zu anderen Zeiten als faschistisch gegolten hätten, was geschieht dann mit dem Sprachrohr-Journalismus? Er geht mit! Und er hält sich trotzdem weiterhin für unparteiisch. Denn unparteiisch sein, kennt für ihn kein anderes Kriterium als Partei für diejenigen zu ergreifen, die sich für die Mitte halten.

Die Wahrheit ist parteiisch

Indem der Sprachrohr-Journalismus sich mit keiner Sache gemein macht, tut er das auch nicht mit der Wahrheit. Er schenkt der Lüge keine andere Aufmerksamkeit als der Wahrheit, er geht der Irreführung nicht weniger auf den Leim als Aufrichtigkeit, er hat mit Menschenverachtung genauso wenig Probleme wie mit Menschenrechten.

Der Sprachrohr-Journalismus gibt sich unparteiisch, doch die Wahrheit ist es nicht. Sie wahrt keine Neutralität, sondern steht auf einer Seite. Sie will gefunden und erkannt werden – investigativ.

Mit der Wahrheit ist das Leugnen des Klimawandels unvereinbar, mit dem Sprachrohr-Journalismus nicht. Mit der Wahrheit ist die Reduktion aller Probleme auf Migration unvereinbar, mit dem Sprachrohr-Journalismus nicht. Mit der Wahrheit ist Faschismus unvereinbar, mit dem Sprachrohr-Journalismus nicht. Auch im Faschismus würde er nahtlos weiter funktionieren: Unverfroren und anmaßend würde er alle links der faschistischen „Mitte“ als „parteiisch“ bezeichnen.

 

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