Chance liegen gelassen!

Der Spiegel hat eine große Chance ungenutzt gelassen. Er hätte über die allgegenwärtige Angst in der Politik berichten können. Statt dessen fokussiert er auf die Angst einer Frau.

Es ist kein großes Geheimnis, dass die allermeisten Politikerinnen und Politiker (und solche, die sich keinem Geschlecht zuordnen) Angst haben. Ihnen wird gedroht, ihre Familienangehörigen werden ins Spiel gebracht, Aufenthaltsorte öffentlich gemacht. So sehr herausragende Politiker öffentlich Angst von sich weisen, um ihre Stärke zu betonen, so oft weisen sie darauf hin, was diejenigen auszuhalten haben, die keinen Personenschutz genießen. Ein deutlicher Hinweis, dass auch sie um die Allgegenwart der Angst wissen.

Es ist eine Schande, dass Politiker Angst haben müssen und sich gezwungen sehen, es zu verheimlichen. Sie müssen uns etwas vormachen, um ihre Wahlchancen zu erhöhen, und auch um diejenigen nicht noch zusätzlich zu bestärken, die Angst verbreiten. Im Resultat tun wir so, als wäre die Politik durch eine rationale, offene Diskussion bestimmt, obwohl die Angst längst alles überlagert. Vieles wird nicht mehr gesagt aus Angst vor Shitstorms, Umfrage-Ergebnissen, Anfeindungen und Morddrohungen. Wie soll unter solchen Bedingungen ein politischer Diskurs funktionieren?

Schlimmer wiegt noch die Abschreckungswirkung. Denn die Angst ist auch der Grund, warum viele nicht in die Politik, oft nicht einmal mehr ein politische Gespräch führen wollen. Die Angst vergiftet alles. Wir bekommen nicht die besten Politiker, sondern nur diejenigen, die sich dem aussetzen wollen. Und wir führen nicht die besten politischen Gespräche, sondern nur diejenigen, die alles vermeiden, wovor Angst herrscht. Auch Politiker, die sich unerschrocken geben, sparen vieles aus Angst vor den Reaktionen aus.

Es regiert die Angst. Nicht nur bei Elif Eralp, sondern überall in der Politik. Der Spiegel hat eine Chance verpasst. Denn es geht nicht nur um palästinensische Terrororganisationen, es geht auch – und weit öfter sogar – um rechtsextreme (Terror-) Organisationen. Wir lassen zu, dass gut organisierte, gewaltbereite Gruppen über das politische Personal und den politischen Diskurs bestimmen.

Der Spiegel schließt daraus, dass Eralp keine Bürgermeisterin von Berlin werden dürfe, weil ihre Angst aus einem vertraulichen Dokument hervor geht, das zufällig in seine Hände geriet. Wenn aber Angst tatsächlich mit politischen Ämtern unvereinbar sein sollte, müssten dann nicht auch all die anderen Politikerinnen und Politiker ihre vertraulichen Eingeständnisse der Angst offen und ihre Ämter nieder legen? Wer bliebe dann noch übrig und wollen wir diese Leute?

Das Problem sind nicht diejenigen, die Angst haben. Das Problem sind diejenigen, die Angst machen. Von denen dürfen wir uns aber nicht das politische Personal und den politischen Diskurs diktieren lassen. Wir müssen auch Politiker wählen und Ämter ausfüllen lassen dürfen, die Angst haben. Das ist eine demokratische Entscheidung, keine des Spiegel oder der Kriminellen, Extremen und Terroristen. All die Politiker, die behaupten keine Angst zu haben, haben diese Zustände nicht verhindert und haben auch kein Interesse daran, denn die Angst hält ihnen unliebsame Konkurrenz vom Leib. Sie werden die Zustände nicht ändern, deshalb brauchen wir andere Politikerinnen und Politiker.

Eralp kann nichts für ihre Angst und sie macht sie nicht zu einer schlechteren Politikerin. Vielmehr ist sie damit in bester Gesellschaft, nur dass es bei ihr nun öffentlich ist. Die Situation von Eralp ist eigentlich lediglich ein Zeichen dafür, dass die Parteiendemokratie gescheitert ist. Warum muss, wer Eralp als Bürgermeistin haben will, eine Linke wählen, die in Neukölln Gestalten mit zweifelhaften Verbindungen hat. Auch andernorts sind nicht alle Kandidaten und Mitglieder über jeden Zweifel erhaben.

Das Problem hat die Linke nicht exklusiv. Auch bei anderen Parteien werden wir genötigt, Personen ein Mandat zu verschaffen, von denen wir nicht vertreten werden wollen. Statt tatsächlich eine Vertretung ebenso frei wie personengenau bestimmen zu können, wie wir das in rechtlichen oder wirtschaftlichen Dingen tun, zwingt uns ausgerechnet die Parteiendemokratie dazu, ein unübersichtliches Konglomerat aus Netzwerken und Strömungen mit völlig unverhersehbaren Dynamiken zu wählen, obwohl es keine Parteien gäbe, wenn wir demokratisch darüber bestimmen würden.

Eine andere Unsitte, die ebenso wenig mehrheitsfähig sein dürfte, ist die Authorisierung von Interviews. Viele würden es sicherlich begrüßen, wenn der Spiegel nicht nur bei Eralp, sondern auch für andere Interviews aus der Vergangenheit die Originalversionen veröffentlichen und zukünftig auf Authorisierung ganz verzichten würde. Längst hat diese Praxis völlig nichtssagende, rhetorisch glatt polierte Texte produziert, welche die politische Untugend der Unaufrichtigkeit nur verstärken und somit geeignet sind, Politikverdrossenheit zu verstärken.

 

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