Nur gut eine Minute brauchen Markus Lanz und Dennis Radtke (CDU) in der ZDF-Sendung vom 20. August 2026 um ein vollständiges Panorama jenes strukturellen Faschismus zu bieten, der mittlerweile weite Teile des öffentlichen Diskurses so unterschwellig und doch so gründlich unterwandert hat, dass offenbar niemand mehr daran Anstoss nimmt. Wie die Wärme den Frosch im Kochtopf so durchdringt der Faschismus unsere Gesellschaft langsam, unbemerkt und deshalb beinahe widerstandslos. Menschen, die ihm bis vor nicht allzu langer Zeit noch fern standen, übernehmen seine Denkmuster.
Ganz subtil erfasst er über einen laxen Sprachgebrauch unser Denken, sodass wir unwillkürlich für selbstverständlich halten, was es verdient, inhuman genannt zu werden. Inhuman nicht nur im Sinne von andere Menschen verachtend, sondern inhuman auch sich selbst gegenüber, wenn man sich selbst nicht mehr zu allererst als gewöhnlichen Menschen wahrnimmt, sondern als etwas Besseres. Für viele sind all diejenigen, die sie nicht als Ihresgleichen ansehen, mittlerweile ebenso wenig Mensch wie sie selbst. Die anderen sind minderwertig, selbst erachten sie sich dafür um so höheren Werts, wenn nicht gar das Maß der Dinge. Eine solche Haltung gibt im öffentlichen Diskurs derjenigen, die sich wie Lanz und Radtke selbst der Mitte zurechnen, nicht einmal mehr Anstoss zur Diskussion, sondern bildet dessen selbstverständlich vorausgesetzte Grundlage.
Für alle, die sich schon lange resigniert vom Fernsehen abgewendet haben, sind hier die Minuten 27:50 bis 29:00 transkribiert, um ein Bild davon zu geben, wie ungeniert in TV-Diskussionen mittlerweile mit völkischen Stereotypen hantiert wird:
Dennis Radtke: „Ich glaube, selbst wenn wir jeden illegalen Migranten in Deutschland oder aus Deutschland abgeschoben haben, wird sich an vielen Stellen im Stadtbild nichts verändern. Weil wir natürlich einfach, die Diskussion habe ich manchmal auch mit meinen eigenen Eltern, die dann sagen, ja Wattenscheid sieht aber nicht mehr so aus wie früher. Ja, aber Wattenscheid nie wieder aussehen wie in den 70er und 80er Jahren. Es wird nie wieder ein Kino in Wattenscheid geben. Und dass der letzte deutsche Metzger in Wattenscheid zugemacht hat, in der Fußgängerzone, und da nur noch ein Halal-Metzger ist, daran wird sich sozusagen auch nichts verändern, wenn wir den letzten illegalen Immigranten aus Wattenscheid abgeschoben haben.“
Markus Lanz: „Wollen sie so Politik machen? Wollen sie das so den Leuten sagen?“
Radtke: „Nein, nein“
Lanz: „Was Sie gerade beschreiben, ist die totale Selbstaufgabe.“
Radtke: „Nein, überhaupt nicht.“
Lanz: „Doch.“
Radtke: „Nein, überhaupt nicht.“
Lanz: „Mich entsetzt das, wenn Sie das so sagen. Politik tritt doch an, um zu gestalten.“
Radtke: „Ja, absolut. Aber mein Gestaltungsanspruch speist sich ja nicht daraus, dass ich sage oder den Menschen erklären möchte, wenn wir jeden illegalen Migranten aus Deutschland abgeschoben haben, dann ist alles wieder so schön wie früher, dann haben wir hier keine Probleme mehr.“
Stufe 1: Rassismus
Während Friedrich Merz und die Union sich lange zumindest den Anschein gaben, die Äußerungen zum „Stadtbild“ bezögen sich nur darauf, dass zwielichtige Gestalten in unseren Innenstädten herumlungern, zeigt sich nun offen, nachdem man es bereits geahnt hatte, dass es um wirklich alle geht, die nicht arisch anmuten. Es geht der selbst ernannten Mitte auch um den legal in Deutschland lebenden Halal-Metzger sowie alle, die bei ihm einkaufen, ohne die es den Laden schließlich nicht gäbe. Völlig unabhängig von Staatsangehörigkeit, Steueraufkommen und Rechtschaffenheit halten es Lanz und Radtke für völlig legitim, sich an deren purer Anwesenheit zu stören.
Die selbst ernannte Mitte hat mittlerweile kein Problem mehr damit, dass pauschale Ablehnung auch vor rechtschaffenen Unternehmern nicht halt macht, nur weil diese ihnen nicht deutsch genug sind. Lanz und Radtke wissen nicht mehr über den Metzger, als dass er Fleisch halal, also zulässig nach islamischem Recht anbietet. Sie wissen nichts über seine Nationalität, Religiösität und Integrität. Sie wissen nicht, ob er das Geschäft aus leidenschaftlicher Gläubigkeit oder leidenschaftsloser Geschäftstüchtigkeit führt. Um pauschale Ablehnung ihm gegenüber für gerechtfertigt zu halten, genügt es ihnen völlig, dass er kein „deutscher Metzger“ ist.
Das störende am Stadtbild ist für die selbst ernannte Mitte nicht allein das Illegale, das Gefährliche und das Heimatlose. Es ist auch das rechtmäßig ansässige und völlig harmlose Geschäft, das es nicht geben würde, wenn die Arier unter sich wären. Es genügt nicht, dass Migranten ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, Steuern zahlen und sich an Recht und Gesetz halten. Denn es geht nur um das eine: „Sie sollen verschwinden!“
Das ist für Lanz und Radtke eine Haltung, an der sie nicht nur nichts auszusetzen haben, sondern die sie völlig selbstverständlich zu Grunde legen. Sie ist nicht Gegenstand der Diskussion, sie ist ihr Ausgangspunkt, der lediglich deshalb nicht in aller Deutlichkeit formuliert werden muss, weil er bereits zur impliziten Grundhaltung geworden ist: „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ Die faschistische Brühe brodelt bereits auf hoher Temperatur, doch Lanz und Radtke machen keinerlei Anstalten heraus zu springen, vielmehr fühlen sie sich wohl in der (un-) heimlichen Wärme des Stammesverbands: Auch für sie sind nicht Menschenverachtung, sondern verachtete Menschen das Problem.
Mit der Rede vom „Stadtbild“ wurde eine rassistische Bemerkung erst mit dem Hinweis eingeführt, dass sie so nicht gemeint sei, nur um sie dann genau so zu verwenden. Ganz selbstverständlich wird vom Problem mit dem Stadtbild gesprochen, wenn ein Problem mit Nicht-Ariern gemeint ist. Froh, die Sache nicht beim Namen nennen zu müssen, spiegelt sich in der euphemistischen Formulierung doch die ganze Verachtung, die für alles Andersartige gehegt wird.
Die Verharmlosung der eigenen Haltung ist ein gängiges faschistisches Muster, das sich nun auch mit der plötzlich allgegenwärtigen Formel der „Remigration“ wiederholt. Der Rassismus wird zu einem so festen Bestandteil des beiläufigen Sprachgebrauchs, dass sein problematischer Kern gar nicht mehr bewusst gemacht wird und sich mit perfider Selbstverständlichkeit des Blicks auf die Dinge bemächtigt.
Stufe 2: Schuldzuschreibung
Das Drehbuch des Faschismus kommt ohne Schuldzuschreibungen nicht aus. Für alles kennt er klar benannte Schuldige. Es sind immer die gleichen: Es gibt keine unglücklichen Gemengelagen, keine unbeeinflussbaren externen Ursachen, keine strukturellen Probleme und vor allem ist nichts selbst verschuldet. Dass es in der Fußgängerzone keinen „deutschen Metzger“ mehr gibt, daran müssen deshalb die Ausländer schuld sein.
Der „deutsche Metzger“ ist aber pleite gegangen, weil die Arier unter den deutschen Staatsbürgern nicht mehr bei ihm, sondern beim Discounter ihr Fleisch kauften. Den „undeutschen“ Metzger gibt es außerdem nur, weil der gleiche Discounter Fleisch nicht halal anbietet. Tatsächlich sind hier nicht die Ausländer schuld, sondern die Discounter, die Deutschen selbst und vor allem das marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage. Die Geschäfte in den Innenstädten müssen nicht deshalb aufgeben, weil mehr Migranten in Deutschland leben, sondern weil die Alteingesessenen kein Geld mehr dort ausgeben, dafür lieber bei Aldi, Amazon, Ikea und Zalando. Am Niedergang der Fußgängerzonen tragen nicht die Türk-Deutschen Schuld, sondern die Deutschen ganz allgemein.
Der Halal-Metzger ist nur der Überbringer der Botschaft, dass die Einheimischen ihre Innenstädte finanziell haben ausbluten lassen, während zugleich zu wenig strenge Muslime in Deutschland leben, als dass es für Supermärkte rentabel wäre, Fleisch auch halal anzubieten. Doch eingenebelt vom Dampf dumpfen Faschismus kommt es den halbgaren Fröschen Lanz und Radtke nicht einmal mehr in den Sinn die tatsächlichen Ursachen zu benennen, statt dessen wird wie im finsterstenen Mittelalter der Überbringer der schlechten Nachricht zur Zielscheibe des Unmuts – so lange er nur ein Nicht-Arier ist.
Stufe 3: Unehrliche Politik als Lösung
Wenn schon nicht bei den Ursachen so wenigstens bei den Folgen wagt Radtke auszusprechen, was ohnehin klar sein sollte: Am Aussehen der Fußgängerzone wird sich auch dann nichts ändern, „wenn wir den letzten illegalen Immigranten aus Wattenscheid abgeschoben haben.“ Natürlich nicht, denn die Leute kaufen dann ja immer noch im Supermarkt und im Internet ein.
Aber das ist nicht, was Radtke meinte, vielmehr kreist er immer wieder um das Wort „illegal“. Der Halal-Metzger und die meisten seiner Kunden wohnen, darauf geht der Hinweis, legal in Deutschland können deshalb nicht einfach abgeschoben werden. Lanz ist von diesem juristisch völlig eindeutigen Sachverhalt so „entsetzt“, dass er aufgeregt fragt: „Wollen sie so Politik machen? Wollen sie das so den Leuten sagen?“
Lanz hält es für unzumutbar, eine unbestreitbare rechtsstaatliche Realität klar zu benennen. Er hält es ganz offensichtlich nicht für die Aufgabe der Politik, die Sachlage wahrheitsgemäß zu erklären und realistische Optionen aufzuzeigen, damit umzugehen. Sie soll den Leuten keinen reinen Wein einschenken. Aber was dann? Soll sie Luftschlösser errichten, nur um keine unerwünschten Fakten aufzeigen zu müssen?
Offenbar! Kleinlaut lenkt Radtke sofort ein, denn tatsächlich ist das genau die Politik, welche die CDU immer deutlicher verfolgt: beim Klimawandel, beim Verbrenner-Auto, bei der Heizung, bei der Atomenergie, beim Niedrigwasser, bei Migration. Weil sie die Wahrheit für unzumutbar halten, wird von immer mehr Medien und Politikern verharmlost und gelogen.
CDU und CSU folgen mittlerweile verstohlen exakt jener Linie, welche die AfD in prägnanter Ausprägung vorgegeben hat. Während die AfD den Klimawandel leugnet, hält es die Union nur für unnötig, effektiv dagegen vorzugehen. Während die AfD Verbrenner für alle Ewigkeit fordert, subventionieren die Unionsparteien lediglich „technologie-offen“ die Autoindustrie bei der Weiterentwicklung des schon längst abgehängten Wasserstoffantriebs. Während die AfD weiter auf Gasheizungen setzt, stürzt die CDU die Bürger nur in unbezahlbare „Biotreppen“. Während die AfD Windräder abreißen will, träumt die Union nur von neuen Atomkraftwerken, die selbst in Frankreich erst nach 20 Jahren Bauzeit mit 6-fachen Kosten und Uran aus Russland ans Netz gehen. Während die AfD Remigration fordert, führt die Union rechtswidrige Grenzkontrollen ohne jeden Effekt durch.
Was Lanz für geboten hält, ist also, dass die Politik das Blaue vom Himmel versprechen soll. Sie soll ihnen Lösungen vorgaukeln, wo gar keine sind. Sie soll nicht erzählen, dass auch die Abschiebung des „letzten illegalen Immigranten“ noch keinen deutschen Metzger in die Fußgängerzone zaubert. Sie soll nicht erzählen, dass die Deutschen daran selber schuld sind. Statt dessen soll sie Tatkraft zeigen und dafür sorgen, dass der Halal-Metzger verschwindet; und wenn dafür das Abschieben „illegaler“ Migranten nicht reicht, dann müssen eben alle Nicht-Arier gehen. Dann ist zwar immer noch kein deutscher Metzger da, dafür sind die Arier wieder unter sich. Remigration ist nicht mehr nur ein faschistischer Begriff, sie ist jetzt auch die große Verheißung der selbst ernannten Mitte.
Stufe 4: Machtwort statt Marktwirtschaft
Schon bei Radtkes vorsichtiger Andeutung, dass sich mit Flüchtlingspolitik die Innenstadt nicht zurück in die 70er Jahre verwandeln lässt, spricht Lanz von „totaler Selbstaufgabe“, weil Politik doch antrete, „um zu gestalten“. Politische Gestaltung kennt dabei für ihn offenbar keine Grenzen. Sie soll jedenfalls vor dem Halal-Metzger in Wattenscheids Innenstadt nicht Halt machen. Für den sollen nicht die gleichen Rechte wie für andere Geschäfte-Inhaber gelten. Nicht Wirtschaftlichkeit und Geschäftstüchtigkeit sollen darüber bestimmen, ob er in der Fußgängerzone bleiben darf, sondern die Politik.
Jene selbst ernannte Mitte, die bei jeder Gelegenheit das Loblied auf die Marktwirtschaft singt, Familienbetriebe für schützenswert hält sowie vorgibt, für Recht und Ordnung einzutreten, vergisst jegliche Rechtsstaatlichkeit und Gewerbefreiheit sobald es um nicht-arische Geschäfte geht. Damit das Stadtbild wieder bieder „deutsch“ wird, ist jedes Mittel recht. Anstelle von Wettbewerb und gleichem Recht für alle soll die Politik darüber bestimmen, welcher Laden wo stehen darf. Bei der ersten Auflage des deutschen Faschismus traf solcherlei „politische Gestaltung“ jüdische Geschäfte, diesmal sollen islamische aus der Fußgängerzone verschwinden.
Man muss kein Verfechter des Islam und der Zuwanderung sein, um zu sehen, wohin eine solche Denkweise führt: in die völkische Willkür. Diejenigen, die sich für Arier und Patrioten halten, bestimmen dann darüber, wer dazu gehören darf und wer nicht, wer wo welche Geschäfte treiben darf und wer nicht, wer was äußern darf und wer nicht. Erst trifft es die Muslime, dann Minderheiten und schließlich alle Nicht-Faschisten. Mit der faschistischen Temperatur steigen auch die Machtphantasien ehe sie schließlich ihre tödliche Wirkung verbreiten.
Stufe 5: Verklärung der Vergangenheit
Nur kurz versucht Radtke beinahe etwas verzweifelt klar zu machen, dass Politik nicht omnipotent ist: Auch mit forcierter Abschiebung wird nicht „alles wieder so schön wie früher.“ Es ist diese schlichte Wahrheit, die Lanz „entsetzt“. Wenn aber selbst Journalisten nicht mehr in der Lage sind, einfache Tatsachen zu akzeptieren, dann hat sie selbst erfasst, was sie lange den Rechten vorgeworfen haben. Realitätsverweigerung wird zur allgegenwärtigen Normalität in der sich erhitzenden braunen Brühe.
Wirklich entsetzlich an Radtkes Ausführungen ist allerdings nicht seine Faktenorientierung im Heute, sondern seine nostalgische Verklärung der „70er und 80er Jahre“. Denn so schön war es damals gar nicht: Die Zahl der Verkehrstoten lag um das Siebenfache höher als heute bei gleichzeitig deutlich schlechterer medizinischer Versorgung. Die Arztdichte je Einwohner lag 1980 nur bei der Hälfte und CT sowie MRT standen nicht zur Verfügung. Überall waren die Menschen schutzlos Zigarettenrauch ausgesetzt. In Rhein und anderen Gewässern war die Belastung mit Schadstoffen um ein Vielfaches höher als heute und in der Luft war sie so hoch, dass sie ein Waldsterben auslöste. Ölpreisschocks gab es auch schon. Über all dem drohte der Kalte Krieg beständig mit Auslöschung. Die heute so oft beklagte Kriminalität lag damals auf ähnlichem Niveau wie heute, obwohl häusliche (sexuelle) Gewalt weniger ernst genommen wurde. Außerdem gab es schlicht nicht, womit viele Menschen heute große Teile ihrer Freizeit verbringen: Internet, Videospiele und Privatfernsehen.
Sicher, in manch anderer Hinsicht haben sich die Zeiten auch verdüstert: die Lage der deutschen Industrie, die Bedrohung durch die KI der Tech-Riesen, die Immobilienpreise und nicht zuletzt der Klimawandel, dessen Bekämpfung schon in den 1980er Jahren verschlafen wurde. Aber an nichts davon trägt der Halal-Metzger oder irgend ein Migrant Schuld. Verklärung der Vergangenheit und Schuldzuschreibung an marginalisierte Personengruppen, damals Juden heute Muslime, waren und sind die üblichen Zutaten des Faschismus.
Stufe 6: Faschismus ohne Faschisten
Sind Lanz und Radtke Faschisten? Vermutlich nicht. Nehmen sie eine Haltung ein, die mit dem Faschismus unverträglich ist? Ebenfalls nicht! Sie stören sich an Nicht-Ariern. Sie assoziieren Probleme mit ihnen, für die diese nichts können. Sie stellen politische Machtausübung über freiheitliche Grundrechte. Sie verklären die Vergangenheit.
Lanz und Radtke sind keine Faschisten, aber an ihnen wird er nicht scheitern. Sie lassen sich einfach treiben in der langsam erwärmenden Brühe faschistischer Sprech- und Denkweisen. Sie greifen den Halal-Metzger als Stellvertreter für einen imaginierten Niedergang Deutschlands auf und sie übernehmen die Reduktion aller politischen Probleme auf das Thema Migration. In vorauseilendem Gehorsam vor dem für Rechte Undenkbaren, wonach die Migranten vielleicht doch nicht an allem Schuld tragen, schwenken Lanz und Radtke auf deren Linie ein.
Allen Wahlergebnissen und Demonstrationen zum Trotz, bei denen sich viele Menschen damit nicht einverstanden zeigen, hält die selbst ernannte Mitte den politischen Stil der AfD offenbar für die breite Volksmeinung. Schon seit vielen Jahren behandelt insbesondere die Union Positionen, welche von Faschisten vertreten werden, für das, was die Leute eigentlich bewegt. Stets darum bemüht, sie nicht als Faschisten zu bezeichnen, glaubt sie doch, dass sie genau so denken. Und stets darum bemüht, die Stimmen des Volkes dort einzusammenln, wo man sie vermutet, übernimmt sie diese Denkweisen und erklärt sie so zu Denkweisen der vermeintlichen Mitte.
Konservative Menschen, die sich dieser Mitte zurechnen, wird so nahe gebracht, dass das faschistische Denken legitim ist. So wird es ihnen auch von Lanz und Radtke bestätigt. Mehr noch: Lanz untermauert sogar mit größtmögliche Selbstverständlichkeit, dass sie „entsetzt“ sein dürfen, nein, sogar müssen, wenn jemand es wagt, die Probleme „unseres“ Landes, wie sie sinnbildlich im „Stadtbild“ zum Ausdruck kommen, nicht allein der Migration zuzurechnen. Zumal wenn es jemand wagt, zu bedenken zu geben, all diese Probleme ließen sich nicht einfach handstreichartig allein durch Migrationspolitik lösen.
Die Frösche der selbsternannte Mitte, die sich lieber im faschistischen Sud treiben lassen, als Realitäten zu benennen, bleiben im sich erhitzenden Topf sitzen, statt herauszuspringen, weil sie denken, all die anderen Frösche bleiben auch. Tatsächlich aber locken sie andere Frösche mit ihrer Rede von der gefährlichen Welt da draußen in die kleine, von allen anderen Eindrücken abgeschottete Topfwelt, wobei sie beim Reinspringen mit ihren vor Selbstmitleid fetttriefenden Tränen über die Unordnung in der großen weiten Küche drum herum, das Feuer unter dem Topf noch weiter anheizen.
Stufe 7: Verwechslung von Ursache oder Wirkung
Später in der Sendung kommt Lanz auf eine Studie (deutsche Zusammenfassung hier) zu sprechen, wonach es ein Thema gebe, das alle rechtsextremen Wähler in Deutschland vereinigt: und das ist nicht wirtschaftliche Benachteiligung, sondern Migration. Die Debatte wird dann so geführt, als wäre Zuwanderung die Ursache dafür, dass so viele Menschen AfD wählen, und als könnte man das beenden, indem man einfach die Zuwanderung stoppt. Sie tut so, als gäbe es da einen ursächlichen Zusammenhang, obwohl die Studie lediglich eine Korrelation abbildet. Sie tut so, als wären die Menschen einfach immer schon gegen Zuwanderung gewesen und würden deshalb jetzt plötzlich AfD wählen.
Tatsächlich gibt die Studie darüber aber keinerlei Aufschluss. Sie kann nicht unterscheiden, ob die Ablehnung von Migration dem Aufstieg der AfD voran geht oder ihre Folge ist. Schon der Zeitpunkt der Studie ist für die Beantwortung dieser Frage völlig untauglich, weil die AfD schon seit Jahren an Popularität gewinnt und es geschafft hat, weil die Medien und anderen Parteien sich rege daran beteiligt haben, dass das Thema Migration omnipräsent ist.
Eigentlich ist die Studie wenig überraschend: Es sollte doch mittlerweile für wirklich alle völlig offensichtlich sein, dass es gar nicht mehr möglich ist, AfD zu wählen, ohne Ausländer zu hassen. Beinahe alles, was sie sagt und tut, richtet sich gegen Migranten. Wer nicht pauschal etwas gegen Nicht-Arier hat, für den ist die Partei unwählbar.
Ebenso offensichtlich ist aber auch, dass Medien und auch die Union sich auf diese Diskursführung eingelassen haben und nun ebenfalls ununterbrochen über Migration reden, wobei sie sich nicht darum bemühen, dem Thema eine andere Wendung zu geben als die, dass es sich dabei um das vordringlichste Problem handele, an dem Politik zu messen sei. Und oh Wunder: Die Wähler haben diese Haltung irgendwann übernommen.
Die Union hat bei ihren Wählern damit Erwartungen geweckt, die erkennbar von der AfD stammen. Doch das Feld der Migrationspolitik ist weitgehend ausgereizt. Immerhin bemühen sich verschiedenste Bundesregierungen schon seit Jahrzehnten um die Eindämmung der Zuwanderung. Unzählige haben sich ein ums andere Mal darum Gedanken gemacht. Alle möglichen Ideen sind erdacht und viele Maßnahmen ergriffen worden. Nun bleibt der Union innerhalb von Rechtsstaat, Verfassung und Menschenrechten kein Spielraum mehr, die von ihr selbst geweckten Erwartungen zu erfüllen. Noch aber ist sie nicht bereit diesen Rahmen ausdrücklich zu verletzen.
Entsprechend enttäuscht ist die Wählerschaft. Zwar wagt sich Alexander Dobrindt immer weiter in rechtlich fragwürdige Bereiche vor, doch das genügt nicht, um die Wähler zufrieden zu stellen, denn es wurden Erwartungen geweckt, die nicht nach graduellen, sondern nach massiven Veränderungen verlangen. Veränderungen, wie sie nur mit einem autoritären Überwachungsstaat erreichbar wären. Denn ohne den lassen sich weder Verbrechen weitgehend verhindern, noch die Berichterstattung darüber unterdrücken. Da es aber unter Migranten, wie in jeder anderen Menschengruppe auch, Kriminelle gibt, werden AfD und Medien immer eine Fall finden, aus dem sich ein Dauerthema machen und die Migrationspolitik für gescheitert erklären lässt. Vor der Wahl hatte sich die Union daran munter beteiligt, nur um jetzt bei ihren Wählern jene Enttäuschung zu ernten, deren Saat sie selbst mit ausgestreut hatte.
Unterdessen hat die AfD längst damit begonnen alle Menschen mit Migrationshintergrund zur Zielscheibe zu machen. Selbst wenn morgen jegliche Zuwanderung gestoppt und der „letzte illegale Immigrant“ abgeschoben wäre, würde die AfD keinen Moment zögern, an allen weiter bestehenden Problemen, die Schuld einfach denjenigen Nicht-Ariern zu geben, die legal hier leben. Erschreckenderweise greifen nicht nur ihre Anhänger diese ebenso kurzschlüssige wie irreführende Sichtweise bereitwillig auf, sondern auch Lanz und Radtke folgen mit dem Halal-Metzger als Reizpunkt genau der Linie.
Damit hat sich die AfD bereits so aufgestellt, dass sie mit dem Thema fortfahren kann, bis der letzte Nicht-Arier vertrieben oder tot ist. Genau so wie es die Nazis mit den Juden hielten. Wird das Hegen und Pflegen unerreichbarer Erwartungen wieterhin nicht durchbrochen, sondern von der selbst ernannten mit unterstützt, dann wird das Resultat wiederum nicht weniger sein als mindestens die Zerstörung der Heimat durch diejenigen, die sie zu verteidigen vorgeben. Denn wenn die faschistische Temperatur im Kochtopf erst hoch genug ist, dann werden die Frösche sterben. Erst die marginalisierten am Boden der Froschtopfgesellschaft, dann auch die anderen.
Stufe 8: Vaterlandsverräter
Das Erfolgsrezept des Faschismus beruht darauf, alle anderen zu Vaterlandsverrätern zu erklären. Denn wer für den Halal-Metzger ist, der muss ja gegen „uns Deutsche“ sein, das insinuiert sogar Lanz. Für Faschisten gibt es nur schwarz und weiß. Vor allem aber kommt es ihnen gar nicht in den Sinn, dass Menschen für jemanden eintreten könnten, nicht weil sie auf seiner Seite stehen oder seine Ziele, seine Haltung, seine Werte teilen, sondern weil sie der Auffassung sind, dass Rechte für alle gleichermaßen gelten müssen, damit wir uns darauf verlassen können und nicht der Willkür ausgesetzt sind.
Für Faschisten zählen Rechte nichts mehr. Sie kennen nur Gleichgesinnte und Gegner, nur wir und die anderen, Freund und Feind. Wobei für Gleichgesinnte keine Regeln gelten: Sie dürfen korrupt oder gewaltätig sein, Nepotismus betreiben, für feindliche Mächte arbeiten oder Kinder verprügeln. Alles wird geduldet oder gar gut geheißen.
Für alle anderen gilt das Gegenteil: Was immer sie tun gilt den Faschisten als mindestens verabscheuungswürdig, wenn nicht gar verbrecherisch, auch wenn es legal und harmlos ist: queer sein, für Gleichberechtigung (auch von Minderheiten) einsetzen, Klimaschutz einfordern oder einfach nur sprachlich sensibel formulieren.
Das Gruppendenken ist die schärfste Waffe der sozialen Spaltung und der Inhumanität, das der Mensch zur Verfügung hat. Sie wird angewandt von verschiedensten Religionen (Christen, Juden, Muslime), von verschiedensten Nationen (US-Amerikaner, Russen, Deutsche, Franzosen) und von verschiedensten Ideologen (Rechte, Linke, Libertäre, Anarchisten). Der Faschismus ist lediglich seine konsequenteste Ausprägung. Doch wir alle sind zu allererst eines: Menschen.
Das sollten auch Lanz und Radtke nicht vergessen, denn wenn die selbst ernannte Mitte das tut, dann sind wir wieder da, von wo an der blutrünstige Untergang seinen Anfang nahm. Dann nimmt die Temperatur im Kochtopf zügig zu. Nur dass die Faschisten diesmal zusätzlich danach trachten, buchstäblich die Temperatur auf dem gesamten Planeten zu erhöhen. Wenn der Topf dann wieder birst, wird Abkühlung ausbleiben. Die größten Patrioten waren immer auch diejenigen, die den größten Schaden anrichteten; und ermöglicht haben es ihnen stets die Mitläufer.