
Was sagt es über den Zustand unserer Kulturwissenschaften aus, wenn die emiritierte Professorin Aleida Assmann die USA als positives Beispiel für gelebten Patriotismus heranzieht? Und was über den Zustand unserer journalistischen Landschaft, wenn das führende Wochenmagazin Spiegel mitten in der Ära Trump ihr dafür Raum gibt?
Wir Leben in einer Zeit, in der der Nationalismus sich wieder anschickt unser aller Leben zu bestimmen und immer mehr auch zu vernichten. Diktatoren, Autokraten und Möchtegern-Autokraten in aller Welt machen sich nationalistisch motivierter Gefolgschaft zu Nutze, um Kriege anzuzetteln, Andersaussehende und -denkende zu schikanieren und diskriminieren, den Rechtsstaat auszuhölen und den gesellschaftlichen Frieden zu zerstören.
Die nationalistische Welle ist so weit gediehen, dass selbst Nachfahren von Opfern des Holocaust sich zu einem Nationalismus hinreißen lassen, für dessen Selbstgerechtigkeit tausende Menschen ermordet werden. Diejenigen wiederum, die sie dabei als Feinde ihrer Nation ausgemacht haben, ließen sich von selbsternannten Freiheitskämpfern zu einem ebenso hasserfüllten wie mörderischen Nationalismus hinreißen. Wie an so vielen Orten kämpfen Nationalisten gegen Nationalisten und zugleich bekämpfen Nationalisten allerorten innerhalb dessen, was sie „Nation“ nennen, alle, die damit nicht konform gehen. Wir steuern wieder auf eine nationalistisch geprägte Welt zu, obwohl wir wissen wie das endet.
Zwei Weltkriege schon wurden aus nationalistischen Gründen geführt und über hundert Millionen Menschen haben dabei ihr Leben verloren. Das nationalistische Lagerdenken ist die todbringendste Haltung, welche die Menschheit ersonnen hat. Es teilt Menschen willkürlich in bestimmte Gruppen ein, die es – widerwärtig genug – nur allzu gern an reinen Äußerlichkeiten festmachen würde. Da das nicht gelingt, beruft es sich auf Abstammung, Heimat und Blutsverwandtschaft. Als wäre ein Flensburger mit einem Berchtesgadener näher verwandt als ersterer mit einem Padborger und letzterer mit einem Salzburger. Als wären all die US-Bürger mit Migrationshintergrund in den USA genau so zu Hause wie die Ureinwohner, die sie niedergemacht haben, von einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Abstammung ganz zu schweigen. Als hätten Tschetschenen, Tartaren und Pomoren eine andere nationale Gemeinsamkeit außer jener, seit langer Zeit von den gleichen Herrschern gering geachtet worden zu sein.
Imagination Nation
Die Nation ist in erster Linie eine absurde Imagination. Sie schafft eine künstliche Gemeinschaft. Wir sind unseren Volksgenossen nicht näher und nicht ähnlicher als anderen Menschen. Wir verstehen uns besser mit so manchem Menschen von weit her und haben mit ihm mehr gemeinsam als mit dem streitlustigen Nachbarn. Die Nation zwingt uns eine imaginierte Gemeinsamkeit auf, um uns dann in einen Krieg gegen ein ebensolches Hirngespinst zu schicken.
Dabei nehmen selbst Nationalisten das Prinzip der Abstammung nicht ernst: Nur allzu gerne würden viele, die sich dem Nationalismus besonders verbunden fühlen, nicht nur diejenigen eliminieren, die dem Aussehen nach nicht ihren Vorstellungen entsprechen, gleichgültig welcher Abstammung aufgrund von Hautfarbe, Behinderung oder Gender. Sondern sie wollen auch diejenigen eliminieren, deren Denken nicht ihren Vorstellungen entspricht oder die einfach nur ihren Nationalstolz nicht gebührend würdigen. Sie wollen entscheiden, wer dazu gehört und wer nicht, und sind letzteren gegenüber zu allen Schandtaten bereit.
Die Nation ist keine heimelige Gemeinschaft, sondern ein Herrschaftsinstrument. Sie zwingt all diejenigen, die auf einem bestimmten Territorium leben, die nationale Selbstbeschwörung zu ertragen. Sie zwingt sogar dazu, mit Steuergeldern einen Nationalismus zu fördern, der sich im Zweifel gegen einen selbst wendet. Das betrifft nicht nur Ausländer, sondern alle, die die nationalistische Selbsterhöhung erschaudern lässt. Nationalismus ist das Gegenteil von Freiheit. Er ist der Zwang zum Konformismus.
Patriotische Gesinnungswächter
Um die todbringende Geschichte des Nationalismus abzuschütteln, berufen sich viele auf einen Patriotismus, ohne genau angeben zu können, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Oft läuft es darauf hinaus, dass sie für sich in Anspruch nehmen Angehörige anderer Nationen nicht als minderwertig zu erachten, nur um sich dann selbst als patriotischer Bundeskanzler geringschätzig über Hotels, das Brot oder die Sitten in anderen Ländern zu äußern. Patriotismus ist nur ein anderes Etikett für die gleiche Haltung, denn natürlich stellen die Patrioten in ihrem Stolz die eigene Nation über jede andere.
Das gilt nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: Patrioten überziehen auch diejenigen mit Verachtung, die ihren Nationalstolz skeptisch sehen. Sie sind sofort bereit sie als Verräter am Vaterland zu bezeichnen und aus dem Kreis der Volksgenossen auszuschließen, auch wenn alle formalen Bedingungen erfüllt sind. Denn auch der Patriot will vorgeben, wer dazu gehört und wer nicht. Er will die Definitionsmacht für sich. Das Patriot-Sein ist ihm ein so unverzichtbares Merkmal der Volkszugehörigkeit, dass seine Absenz gleichbedeutend ist mit dem Recht zum Ausschluss.
Tatsächlich geht es ihm ebenso wenig um die eigene Nation als Abstammungsgemeinschaft wie dem Nationalisten. Zu allererst geht es beiden, dem Patrioten wie dem Nationalisten, allein um die gleiche Gesinnung. Wer sie teilt, gehört dazu, wer nicht, gehört weg. Deshalb haben sie für Patrioten anderer Länder auch mehr Verständnis als für ihre unpatriotischen Volksgenossen. Der Patriotismus fordert nicht weniger Konformität ein als der Nationalismus.
Konformismuszwang
Wohin das führt, sieht man in den USA. Patriotismus ist dort keine Haltung, für die man sich frei entscheidet, sie ist Zwang. Von klein auf werden alle Bewohner der USA dazu gebracht, Rituale des Nationalstolzes zu exerzieren. Unpatriotisch ist in den USA gleichbedeutend mit antiamerikanisch und führt sogleich zum Ausschluss aus dem relevanten Bereich des gesellschaftlichen Lebens. Der Unterschied zwischen Anhängern der demokratischen Partei und der republikanischen besteht nicht darin, dass die einen Patrioten wären und die anderen nicht, sondern nur in der Wahl der Mittel, wie gegen Menschen vorgegangen wird, die eine andere Nationalität oder eine andere Gesinnung besitzen, wie Konformität forciert wird.
Wenn angesichts der Vorgänge in den USA nun eine renommierte Kulturwissenschaftlerin zu mehr Patriotismus und Nationalstolz aufruft, zeigt das lediglich, wie weit unsere gesellschaftliche Regression fortgeschritten ist. Bestünde nicht die Aufgabe einer Kulturwissenschaftlerin darin, den Patriotismus in seiner historischen Genese wie in seinen kulturellen Folgen zu untersuchen? Müsste sie nicht Fragen beantworten, anstatt sich einem diffusen Gefühl hinzugeben?
Fragen wie diese: Mit welchem Recht kann überhaupt jemand auf seine Nation stolz sein? Welcher nennenswerte Beitrag wurde geleistet? Aber auch: Worauf kann man überhaupt stolz sein? Auf Bismarcks angezettelte Kriege, um ein Deutsches Kaiserreich zu begründen? Auf vier Männerfußball-Weltmeisterschaften? Auf Goethes Faust, der vor diesem Deutschen Reich geschaffen wurde? Bismarck, Beckenbauer und Goethe dürften darauf stolz sein. Aber wir?
Ersatzbefriedigung
Der Stolz auf die eigene Nation ist eine Ersatzbefriedigung. Wir sind alle keine Bismarcks, Beckenbauers oder Goethes, und wir haben nur wenig bis gar nichts, worauf wir stolz sein können. Wir sind kleine Lichter in einer großen Welt. In einer Welt, die uns immer größer erscheint, die dicht bevölkert wirkt von Menschen mit unermeßlichem Reichtum, beinahe unbegrenzter Macht und endloser Anhängerschaft. Selbst scheinbar ganz normale Menschen haben tausende Follower und machen andauernd kostspielige Reisen. Nur wir sitzen im immer gleichen Loch und rackern uns Tag für Tag ab. Die Resultate bekommen wir selten zu sehen und wenn dann wirken sie entsetzlich klein. Als normaler Mensch ist es heute wahrlich nicht leicht, auf etwas stolz zu sein.
Doch die Nation verleiht uns das Gefühl an etwas Großem mitzuwirken. Als Teil davon fühlen wir uns plötzlich auch nicht mehr so klein. Die Nation nimmt von uns die Schmach der Bedeutungslosigkeit. Sie erfüllt uns mit dem Stolz, Teil von etwas Gewaltigem zu sein. Ein Gefühl, das wir aufrecht erhalten wollen, um uns nicht wieder klein zu fühlen. Und wer auch immer dieses Gefühl bedroht, dem wird gedroht.
Patriotismus ist ein Weg, dem Schmerz der Bedeutungslosigkeit zu entkommen. Es beseitigt aber nicht die Ursache dieses Schmerzes, sondern es lindert nur seine Symptome. Diese Linderung gibt es aber nicht umsonst. Es braucht ein Mittel gegen die Schmerzen. Und dieses Mittel besteht darin, ständig Menschen zu suchen, die wir für noch bedeutungsloser halten als uns selbst: Minderheiten, Arme, Notleidende. Umso mehr wir sie ihre Bedeutungslosigkeit spüren lassen, desto bedeutender fühlen wir uns selbst. Der Patriotismus hat wie der Nationalismus einen unstillbaren Durst nach Abscheu, Kleinmacherei und Überwältigung. Er hat ein stetiges Verlangen nach einem Überlegenheitsgefühl. Er kann nicht in Frieden mit anderen leben.
Bedeutungslosigkeit
Denn die Ursache für die Schmerzen liegt nicht in einer Kränkung des Vaterlands, sie liegt in einer Kränkung des Egos. So lange Zeiten herrschen, in denen sich das Ego am eigenen Leben, am eigenen Vorankommen, an den eigenen Ergebnissen, am sozialen Leben erfreuen kann, treten keine Schmerzen auf. In einer Zeit des Stillstands und der Regression allerdings schon.
Die unendliche Vergleichbarkeit mit allen, wie sie die sozialen Medien ermöglichen, tragen zum Gefühl der Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht bei. Zugleich ist es aber auch die Art des digitalen Lebens, für das man nichts mehr können muss. Beinahe nichts mehr wird uns nicht von einer App oder einer KI abgenommen. Wir müssen nichts mehr können, nichts mehr machen und schon gar nicht denken. Alles geht wie von selbst. Das ist wunderbar, aber auch völlig anspruchslos.
Niemand verfügt mehr über besondere Fähigkeiten von Relevanz, die nicht jeder andere auch hat. Jeder Laie kann heute von KI Texte, Computer-Programme oder Bilder erstellen lassen, detaillierte Figuren mit dem 3D-Drucker anfertigen oder Luftaufnahmen mit einer Drohne machen. Zugleich sehen wir, wie manche damit unheimlich viel Geld machen, wir aber nicht. Wir sehen, wie andere hochdotierte Manager-Positionen dilletantisch ausfüllen, wir aber nicht. Und wir sehen, wie andere sich weniger anstrengen wie wir, und es ihnen trotzdem an nichts fehlt. Es scheint völlig bedeutungslos geworden zu sein, was wir können und was wir tun. Der Frust ist allgemein.
Der Patriotimus lindert die Schmerzen dieses Frusts, aber er beseitigt diesen nicht. Wenn wir die Ursachen des Schmerzes nicht beheben, wird die Krankheit sich weiter ausbreiten und wieder ihre tödliche Wirkung verbreiten. Wenn wir des Patriotismus bedürfen, um die Bedeutungslosigkeit unseres eigenen Lebens zu ertragen, wird es uns danach verlangen, dass unsere Nation an Bedeutung gewinnt. Unser Stolz hängt dann ganz und gar von dem unserer Nation ab: von ihrer Größe, ihrer Reinheit, ihrer Macht und vor allem vom Respekt anderer. Doch wehe, wenn wir uns gekränkt fühlen – gleichgültig ob von außen oder von innen. Das lassen sich echte Patrioten nicht bieten. Und genau so sieht die Welt des Patriotismus denn auch aus: sie ist voller unüberwindbarer Gegensätze.
Gefühle spielen eine wichtige Rolle, da ist Assmann nicht zu widersprechen. Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit wird sich mit Patriotismus aber nie stillen lassen, sondern verlangt unentwegt nach patriotischer Selbstbehauptung auf Kosten anderer. Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit ist aber selbst Resultat einer Politik, die sich formal Demokratie nennt, ohne dass das Volk ein Gefühl von Selbstherrschaft verspürt. Die Parteiendemokratie, wie wir sie kennen, hat ihre Wählenden längst entmündigt. Sie können sich nicht für das aussprechen, was sie wollen, sondern müssen aus einigen wenigen vorgefertigten Paketen aus Personen und Programmen auswählen. Sie können nicht verhindern, was sie nicht wollen, sondern müssen ertragen wie Politiker während ihrer Amtszeit Seilschaften pflegen und perfide Pläne verfolgen. Vor allem aber können sie nicht beenden, was sie am meisten hassen: Parteien. Wenn wir demokratisch darüber abstimmen könnten, gäbe es sie längst nicht mehr.
Wer glaubt, dass mehr Patriotismus gegen Ohnmachtsgefühle hilft, der glaubt auch dass ein Boxkurs zum Aggressionsabbau das richtige Rezept gegen den Frust bei schlechten Schulnoten ist. Hier wie dort wird nur Aggression gepflegt, aber der persönliche Frust nicht behoben.