
Wir haben es wieder geschafft: Der Faschismus wird uns unausweichlich einholen, weil wir alles andere unwählbar gemacht haben!
16 Jahre Angela Merkel voller Besitzstandswahrung ohne jede Vision und voller rückwärtsgewandter Wirtschaftspolitik hat die Union unwählbar gemacht. Alle Zukunftstechnologien, in denen Deutschland führend war, wurden ausgebremst. Anstatt bei Windkraft und Photovoltaik die Weltmarktführerschaft auszunutzen, lieferte Merkel die Bundesrepublik lieber der Abhängigkeit von russischem Öl und Gas aus, lange nachdem Wladimir Putin seine imperialistischen Ambitionen, terroristischen Methoden und menschenverachtenden Machtansprüche unter Beweis gestellt hatte.
Die FDP, so sie denn überhaupt noch in Erscheinung trat, bildete nicht mehr als einen als Partei getarnten Lobbyverein reicher Unternehmer, die ihre Konzernmacht gerne als „Familienunternehmer“ verniedlichen, um ihre lukrativen Geschäftsmodelle zu schützen. Für alle, die keine Reichtümer vorweisen konnten und nicht auf ihre interessengeleiteten Ränke hereinfielen, blieb die FDP immer unwählbar. Für die meisten anderen wurde sie es, als sie in Manier eines Gebrauchtwagenhändlers, veraltete Technologien und überholte Wirtschaftspolitik als zukunftsweisend unter die Leute bringen wollte.
Die SPD spricht von sich selbst immer noch als Arbeiterpartei völlig ungeachtet dessen, dass das längst nicht mehr der Fall ist. Auch sonst hat sie Realtitätsverweigerung zum Programm gemacht: Bei den Renten, beim Klima, beim Arbeitsmarkt und allem anderen tut sie einfach so, als könnte man immer so weiter machen wie gehabt. Bei aller Ambitionslosigkeit zeigt sie sich aber jederzeit bereit, anderen unter Aufgabe jeglichen Profils beim Regieren zu helfen, so lange sie mitmachen darf und sich nicht allzu viel ändert. Das ging so weit, dass man bei Olaf Scholz nie den Eindruck gewann, dass er tatsächlich regierte. Entsprechend vertritt die SPD die Interessen all derjenigen, die in Ruhe gelassen werden wollen: Rentner, Arbeitslose und Beamte.
Die Linke hat einmal mehr bestätigt, dass links sein vor allem heißt, uneinig zu sein. Als dann nach jahrelangem Streit eine sozialistische Selbstdarstellerin mit nationalistischen Denkmustern die Partei verließ, wurde entdeckt, wie gut sich auf sozialen Medien egoistische Interessen nicht nur von rechten, sondern auch von linken Parteien bedienen lassen, um fortan alles zu fordern, was das eigene Leben verbessert, ohne sich weiter um die Frage zu kümmern, wer und wie sich das Tragen soll: Mietpreisdeckel, Grundeinkommen, (Unterwerfungs-) Pazifismus.
Die Grünen schließlich haben bewiesen, dass sie zu naiv sind, um selbst auch nur irgendein Projekt erfolgreich umzusetzen. Sie waren immer erfolgreicher in der Opposition als in der Regierung. Von dort aus haben sie auf Umweltschutz, Atomausstieg und Gleichberechtigung hingewirkt, während sie nichts davon selbst umgesetzt haben. Sogar die Wärmepumpe erfreut sich erhöhter Nachfrage, seit die Grünen zurück in der Opposition sind. Schlussendlich setzen sich viele ihrer Anliegen politisch durch, denn die Grünen sind die Stimme der Vernunft, aber machtpolitisch unfähig und mit lobbyistischem Gegenwind überfordert.
Wider alle Vernunft
Das wiederum spricht nicht gerade für die anderen Parteien, die wider alle Vernunft so lange an Klientelpolitik und Besitzstandswahrung festhalten, bis es einfach nicht mehr geht: Über Jahrzehnte widersetzen sie sich der Legalisierung von Homosexualität und hängen Ressentiments nach, nur um dann 2017 doch den Weg für die gleichgeschlechtliche Ehe frei zu geben. Ebenso verhindern sie wirkungsvolle Klimapolitik, hintertreiben sie gar, bis das Verfassungsgericht 2021 einschreitet. Und auch das deutsche Rentenmodell wird so lange fortgeführt werden, bis das Absehbare eintritt, nämlich dass es nicht mehr tragfähig ist. Der parteipolitische Normalmodus besteht darin, sich der Vernunft so lange zu widersetzen und am Bestehenden festzuhalten, bis ein Einlenken unausweichlich geworden ist – und auch dann nur so weit, wie unbedingt nötig.
Unter grüner Beteiligung war die Ampelregierung dazu angetreten, es anders zu machen und die Weichen für eine vernunftgemäße Zukunft zu stellen. Tatsächlich hat sie sich dann – angetrieben von kleingeistiger Parteipolitik der Koalitionäre – im Widerstreit von Reformbedarf und Besitzstandswahrung aufgerieben. Cannabis wurde ein bisschen legalisiert, alles andere ist geblieben, wie es war.
Nach chaotischen Jahren schwenkten die Wähler deshalb völlig erwartbar zurück zur Union, nur um festzustellen, dass sich trotz des größten Schuldenprogramms in der Geschichte der Bundesrepublik, das auch noch im offenen Widerspruch zum Wahlversprechen aufgesetzt wurde, nichts ändert. Nicht einmal damit bekommt die Union etwas Zukunftsfähiges hin. Sie schafft es noch nicht einmal mit viel Geld ihren geliebten ebenso rückwärtsgewandten wie hochsubventionierten Zombies des Kohleabbaus, der Atomkraft oder der Hausfrau (Ehegattensplitting) weitere hinzu zu fügen. Denn gegen die Versäumnisse der verhätschelten Autoindustrie, die sich mit Abwrackprämie und Abgasmanipulation vor jeder Innovation gedrückt hat, werden auch weitere Milliardensubventionen (über Dienstwagen-, Diesel- und Pendlerpauschalenprivileg hinaus) nichts ausrichten können, sondern die Konzerne nur zu weiterer Verschleppung der dringend erforderlichen Neuorientierung verleiten.
Modernisierungspolitische Kapitulation
Wir haben es also wieder geschafft: Keine demokratische Partei ist mehr wählbar. Und wieder stehen Faschisten bereit, um statt komplizierte Koalitionen einzugehen, direkt die Macht zu übernehmen, weil sie mit jedem Hickhack der Koalitionen ihren Wähleranteil vergrößern konnten. Vor knapp hundert Jahren versuchte Heinrich Brüning von der christlich-konservativen Zentrumspartei (und insofern inhaltlicher Vorläuferin der Union) den sozialstrukturellen Herausforderungen seiner Zeit mit einer Rückkehr zur Agrargesellschaft zu begegnen. In ähnlicher Situation will Friedrich Merz von der CDU heute zurück zur Industriegesellschaft. So wenig wie Brüning mitbekommen hatte, dass in Zeiten industrieller Landwirtschaft Subsistenzwirtschaft ebenso unnötig wie ineffizient ist, so wenig hat Merz erkannt, dass in Zeiten von Automatisierung und Digitalisierung die Zukunft nicht in der Industrie liegt. Dass in Deutschland noch so viele Menschen dort arbeiten, ist keine Stärke, sondern Vorbote, welch schmerzhafte Transformation uns noch bevor steht, die andere wohlhabende Länder schon hinter sich haben.
Brünings modernisierungspolitische Kapitulation hat damals konservative Parteien unwählbar gemacht und ihre Anhänger sich dann den Nazis zugewendet. Merz wird es mit dem gleichen Kurs nicht besser ergehen. Kurzfristig Wahlen zu gewinnen, indem man jener Vergangenheitssehnsucht das Wort redet, welche die Faschisten geweckt haben, scheitert zwangsläufig, weil sich die Zukunft nicht aufhalten lässt. Deutschland wird sich als Industriemuseum so wenig über die Zeit retten können wie der Verbrennungsmotor. Die Wähler jedoch werden den unvermeidlichen Niedergang, der dem Festhalten an lieb gewonnenen alten Vorstellungen geschuldet ist, nicht ihrer Haltung ankreiden, die ja eben noch von niemand geringerem als der Regierungspartei geadelt wurde, sondern dieser selbst. Auch wenn sie sie für genau diesen Kurs gewählt haben, werden sie das Versagen der Union anlasten. Denn an sich selbst zweifeln Wähler stets am wenigsten.
Wer aber bleibt dann noch, wenn die Union absehbar scheitert und jede verzweifelte rückwärtsgewandte politische Volte den Abstand zur Zukunftsfähigkeit nur noch vergrößert hat? Wem werden diejenigen dann glauben, die ihrem Wohlstand aus einer hochindustrialisierten Phase nachtrauern, die unwiderbringlich vorbei ist? Denjenigen, die ihnen sagen, dass sie Umdenken müssen, oder denjenigen, die ihnen das gleiche erzählen wie Merz, nur radikaler?
Die Faschisten versprechen nicht einfach nur, dass die Menschen selbstverliebt an überkommenen Vorstellungen festhalten dürfen. Sie versprechen, dass sie alle los werden, die sie auf ihre Borniertheit hinweisen. Sie versprechen, dass sie anders als die Union nicht scheitern, sondern triumphieren werden – vielleicht nicht wirtschaftlich, aber politisch. Sie versprechen, dass auf allen und allem rumgetrampelt werden darf, was nicht auf Linie ist. Und für diesen Triumph, für das schadenfrohe Gefühl Teil der Macht zu sein, sind sie bereit Nachteile in Kauf zu nehmen, wie sie es für konstruktive oder zukunftsweisende Maßnahmen nie täten. Sie wollen keine Zukunft für alle, sie wollen die Zukunft für sich, egal zu welchem Preis. Das haben wir in der Vergangenheit gesehen und wir sehen es wieder – in den USA, in Russland, in Palästina (auf beiden Seiten), überall.
Hausgemachte Miseren
Wir haben es wieder geschafft: Von den Angstmachern eingeschüchtert und von den demokratischen Parteien enttäuscht, geben wir uns wehmütig und wehleidig einer Vergangenheitssehnsucht hin. Denn uns ist jede Zukunft abhanden gekommen. Nirgendwo mehr ein Silberstreif am Horizont. Die Wirtschaft geht den Bach runter: Autoindustrie, Zulieferer, Chemie- und Stahlkonzerne bauen ab. Jahrzehnte alte Weltkonzerne und der Stolz der Deutschen vermelden nur noch schlechte Nachrichten: VW, Bosch, Bayer, Thyssenkrupp. Die Infrastruktur geht den Bach runter: Bahn, Brücken, Schulen, Bäder und vieles mehr sind in miserablem Zustand. Die Familien gehen den Bach runter: Immer weniger Kinder und die wenigen, die es noch gibt, ziehen weg, sobald sie groß sind. Die Heimat geht den Bach runter: Läden schließen und Nachbarn sterben. Die Politik geht den Bach runter: Keine Partei hat noch eine Vision oder auch nur ein Rezept für die Zukunft.
Der größte Teil dieser Miseren ist hausgemacht. Konzerne, die ob enormer Gewinne mit Produkten, mit denen sie groß geworden sind und an die sie sich klammern, nicht den Mumm aufbringen, Innovationen anzugehen: Warum brauchte es einen branchenfremden Unternehmer, um ein marktreifes Elektroauto zu produzieren?
Infrastruktur, die einem neoliberalen Zeitgeist zum Opfer gefallen ist, der das Offensichtliche ignoriert hat: Es können nicht mehrere Bahnnetze miteinander konkurrieren. Wie konnten Ökonomen übersehen, dass Infrastruktur sich der Marktförmigkeit entzieht?
Bürger, die eine demographische und soziokulturelle Entwicklung in die Wege geleitet haben, die nicht ohne strukturelle Folgen für Peripherie und Ballungsräume gleichermaßen bleibt: Wieso sollten die wenigen Boomer-Kinder, im kaltherzigen Kapitalismus zur egoistischen Nutzenoptimierung erzogen, selbst Kinder in eine Welt setzen, die sich zudem in Hass ergeht?
Parteien, die ihr Heil in kleingeistigem, machtpolitischem Kleinklein suchen, um kurzfristig ein paar Wählerstimmen für sich zu gewinnen, vorübergehende Momente der Blockademacht zu genießen und persönliche Angriffe als politische Kompetenz auffassen: Warum sollte sich jemand von solchen Gestalten repräsentieren lassen wollen?
Ja, unsere Probleme sind hausgemacht, doch das einzusehen, fällt uns schwer. Wieviel bequemer ist es doch, auf andere zu zeigen, denn dann müssen wir uns nicht ändern. Schuld am Niedergang der Industrie sind die Chinesen. Bei der Infrastruktur sind es die Migranten, wegen denen vermeintlich kein Geld übrig ist. An der Demographie sind die Transpersonen schuld und an der miserablen Politik die Andersdenkenden. Denn wir sind doch ehrlich, fleißig und gut. Die anderen aber sind unehrlich, faul und böse. Wir bemühen uns doch so sehr, bekommen aber immer weniger, denken wir. Vor allem aber denken wir, dass die anderen zu viel abbekommen.
Das große Los
Wir werfen es anderen vor, aber vor allem sind wir selber erfüllt von Missgunst und Selbstgerechtigkeit. Wir schwelgen im Wohlstand, haben aber das Gefühl, dass uns mehr zu steht. Wenn wir jammern, dann auf der Grundlage von Ansprüchen, die Ausdruck puren Luxus sind: Das Essengehen an den Wochenendausflügen wird immer teurer und der alte Flachbildfernseher einfach zu klein. Das neue iPhone kostet ein Vermögen und die Abokosten steigen immer weiter an. Täglich Hühnchenfilet und Coffee-to-go zehrt auch ganz schön am Geldbeutel. Wenn das so weiter geht, ist die Kreuzfahrt, die zweite Flugreise pro Jahr oder gar der Skiurlaub einfach nicht mehr drin. Zwar hatten wir all das früher auch nicht, aber heute ist das doch selbstverständlich. Schließlich haben wir auch verdient, was die anderen uns auf den Sozialen Medien vorleben: Teure Konsumgüter, tollen Urlaub und zum Shopping nach Dubai.
Unsere überzogenen Ansprüche sind so hausgemacht wie unsere Probleme. Wir haben längst einen Zustand erreicht, an dem einfach nicht mehr geht. Wir leben im Wohlstand wollen aber noch mehr. Nicht weil wir es brauchen, sondern weil die anderen es haben. Nicht weil wir es verdient haben, sondern weil wir es bei den anderen sehen. Nicht weil es unverzichtbar wäre, sondern weil die anderen es so erscheinen lassen. Wir wollen uns nicht wie arme Schlucker vorkommen. Wir wollen all unseren Bekannten Fotos des überteuerten Restaurant-Essens sehen lassen, die wir über unser überteuertes Smartphone während unserer exklusiven Fernreise machen. Nicht, weil wir andere damit beeindrucken wollten, sondern weil es doch ganz normal ist. Nun, vielleicht hat es uns ein klein wenig beeindruckt, als die anderen das bei ihrer Reise gemacht hatten und da wollten wir das dann auch machen, denn das gehört heute einfach dazu.
Wir wissen zwar, dass mehr Wohlstand nicht möglich sein wird, weil die Ressourcen knapp, die Zeit begrenzt und der Planet endlich ist. Wir wissen, dass wir nicht alle das Leben der Dauerurlauber, Yachtbesitzer und Superreichen führen können. Wir wissen, dass wir eigentlich längst an einem Punkt angekommen sind, an dem ein Limit an Wohlstand, Konsum und Luxus erreicht ist. Wir wissen, dass ein Wendepunkt erreicht ist. Wahrhaben wollen wir es aber nicht.
Am Ende des Zuwachses ergreift uns die Angst vor dem Elend. Wir haben von allem mehr als vor ein paar Jahrzehnten, sehen uns aber im Niedergang: mehr elektronische Geräte, mehr und überall Unterhaltungsmedien, mehr Reisen, mehr Konsumangebote online und gleichzeitg deutlich weniger zeitlichen und finanziellen Aufwand sie wahrzunehmen. Wir erledigen alles entspannt von zu Hause aus – und jammern. Nein, wir jammern nicht nur, wir fühlen uns betrogen.
Denn uns geht es nur noch ums Ego und das in einer ganz speziellen Form: Ich will mehr und mindestens so viel, wie die Selbstzurschausteller aus den Sozialen Medien. Wenn es um Notwendigkeiten geht, empfinden wir alles als Zumutung und wollen Subventionen oder gleich die Außerkraftsetzung von Marktwirtschaft, Menschenrechten, Artgerechtigkeit und Nachhaltigkeit: bei Wohnung, Kraftstoff, Heizung, Kleidung und Lebensmitteln. Alles soll billig bleiben, damit mehr Geld übrig bleibt für das, wofür wir immer mehr ausgeben: Freizeit, Urlaub, Konsum, Luxus, Gadgets.
Wir jammern über gestiegene Gaspreise für unser Einfamilienhaus, fahren riesige Autos, laufen mit teuren elektronischen Geräten rum, berichten ständig von Fernreisen, Skiurlauben und Wochendtrips sonstwohin. Als wären wir ahnungslose Kinder und keine verantwortungsbewussten Erwachsenen mit anspruchsvollen Berufen, auf die wir so stolz sind, geben wir uns überrascht von den wirtschaftlichen Risiken, die mit einer Gasheizung, einem Benzinmotor und Internetplattformmonopolisten einher gehen. Als wäre die gefährliche Abhängigkeit von unberechenbaren Diktaturen und gewinnsüchtigen Konzernen sowie die klimatisch notwendige Abkehr von fossilen Energieträgern nicht seit Jahrzehnten bekannt, rufen wir nach staatlichen Subventionen, sobald die Preise ansteigen. Gleichzeitig plädieren wir in offenem Widerspruch zu unserem Leben auf Stütze von Pendlerpauschale, Dienstwagenprivileg, Flugbenzinsteuerbefreiung, Gaspreisbremse und Agrarsubventionen (für unser täglich Fleisch) dafür, dass jede:r für sein Schicksal verantwortlich ist, gleichgültig welche Startvoraussetzungen bestanden, und deshalb die Sozialhilfe gekürzt werden solle. Und vom großen Los, das wir bei der Geburtslandlotterie gezogen haben, wollen wir natürlich auch nichts abgeben.
Sobald unser Wohlstand nicht mehr ansteigt, ergreift uns die Panik und wir wähnen uns im Niedergang, an dem natürlich andere Schuld sind. Deshalb wählen wir Politiker, die uns noch mehr Wohlstand versprechen, auch wenn das völlig unrealistisch ist. Wir wählen sie auch, wenn sie uns das auf der Grundlage versprechen, dass wir die Kosten unseres Lebenswandels einfach auf unsere eigenen Kinder abwälzen. Wir sind eher bereit, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören, als Wohlstandszuwächse aufzugeben. Und weil all die demokratischen Parteien nicht in der Lage sind, unseren maßlosen Narzissmus zu befriedigen, sind wir auch bereit Faschisten zu wählen, über deren offensichtliche Lügen wir gerne hinweg sehen, so lange sie nur nicht an unserem Selbstbild kratzen. Denn sie bedienen unseren Narzissmus selbst dann, wenn wir selbst nichts zu bieten haben, worauf wir ihn stützen könnten. Es reicht dann Stolz auf eine Nation zu sein, zu deren Größe wir nichts beigetragen haben, um sich schon als etwas Besseres und anderen überlegen zu fühlen.
Unserem Ego, um das wir so besorgt sind, bieten die Faschisten eine willkommene Erweiterung: Jede:r kann sich dann in der Stärke einer Nation oder ihres patriotischen Führers sonnen. Unser bedeutungsloses Ich wird Teil eines bedeutungsvollen Wir, einer Nation, einer Bewegung oder wir lassen es gleich in einem Führer aufgehen. Jeden Sieg dieses erweiterten Ich nehmen wir als eigenen wahr, gleichgültig was wir dazu beigetragen haben und gleichgültig was über andere damit hereinbricht. Hauptsache „wir“ haben uns behauptet. Wenn eine:r der vermeintlich „anderen“ etwas anstellt: schlimm. Wenn es eine:r von „uns“ war: kein Problem.
Der Hass auf die Wahrheit
Wir haben es wieder geschafft: Unsere Bedeutungslosigkeit mitten in einer Regierungsform, die behauptet, wir hätten die Herrschaft inne, führt uns direkt zum Faschismus. Um unserer Ohnmacht zu entgehen, wollen wir unbedingt Macht und sei es mittels Proxy. So lange das, was sich Demokratie nennt, aber eigentlich nur unwürdiges Parteiengerangel ist, denjenigen, die zu vertreten sie vorgibt, nicht das Gefühl von Macht verleiht, wird in Zeiten der Stagnation zwangsläufig ein Diktator herbei gesehnt, an dessen Machtvollkommenheit wir Ohnmächtigen teil haben können, um uns nicht mehr so klein zu fühlen.
Das Gefühl, dass wir aufgrund unserer Bedeutungslosigkeit dem Niedergang preisgegeben werden, treibt es uns in die Rebellion, in die Revolution, die uns spüren lässt, welche Macht wir zu entfalten vermögen. Wir wollen gehört werden und sei es weil wir gefürchtet werden. In der Masse fühlen wir uns nicht mehr klein, sondern wahrgenommen, wirkmächtig, furchteinflössend. Einmal von dieser Macht gekostet, auch wenn sie zerstörerisch ist, lassen wir Massen uns nicht mehr bremsen, sondern nurmehr weiter anstacheln: zu Shitstorms, Drohungen und Pöbeleien. Um nicht in das Gefühl der Ohnmacht zurück zu fallen, sind wir bereit, immer weiter zu gehen. Wir werden uns nicht davon aufhalten lassen, dass das unsere tatsächliche Lage nicht verbessert oder sie gar verschlechtert, dass andere darunter leiden und wir ihnen Unrecht tun, wenn wir dafür das Gefühl der Macht, der Bedeutung, der Relevanz vermittelt bekommen, das uns so lange gefehlt hat. Schon jetzt, schon lange vor dem Umsturz verspüren wir als Bewegung diese Macht, wenn wir die Schlagzeilen, die Gesprächsrunden, die Nachrichten, die Medien dominieren. Wir werden gehört, wir werden gefürchtet!
Die stärkste Waffe des Faschismus ist der Hass: Er verbindet und macht gefürchtet. Er ist so mächtig, weil er sich über alles legt, weil er uns Hassenden das Gefühl von Macht verleiht und uns schon einen verlockenden Vorgeschmack darauf gibt, was noch möglich wäre. Er ist so perfide, weil die anderen im Bemühen, ihn loszuwerden, ihn ständig thematisieren. Er durchdringt alles und wird von den Medien bereitwillig aufgegriffen, weil er zuverlässig Skandale, Zweifel, Emotionen liefert – und weil die Medien Leuten gehören, die Interesse an Skandalen, Zweifeln und Emotionen haben.
Der Hass stachelt dazu an, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Er verbündet sich mit der Furcht vor dem Niedergang, die sich wiederum vor der Wahrheit fürchtet, dass wir daran womöglich nicht unschuldig sind. Wir sind bereit, allen und allem die Schuld an unserer Misere zu geben außer uns selbst. Es darf nicht an unserer Lernfaulheit in der Schule, an der Berufswahl oder mangelnder beruflicher Veränderungs- und Weiterentwicklungsbereitschaft, sondern es muss an den anderen liegen. Es darf auch nicht an der von uns so geschätzten kapitalistischen Logik liegen, an der damit einher gehenden Gewinnabschöpfung, Kapitalkonzentration und Vermögensspreizung, sondern es muss an denen liegen, die die Konzerne an ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen erinnern. Denn ohne die Moralapostel würden die Konzerne im internationalen Wettbewerb triumphieren und wir mit ihnen, so denken wir. Doch der internationale Wettbewerb belohnt Rückwärtsgewandtheit nicht und die Konzerne brauchen in Zeiten der Automatisierung auch dann nicht mehr Personal, wenn sie dank ungehinderter Externalisierung ihrer Kosten (durch Umweltverschmutzung oder gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen) mehr Gewinne an ihre Aktionäre ausschütten können.
Nach Jahrzehnten, in denen wir (insbesondere im Fahrzeugbau) auf der kapitalistischen Gewinnerseite standen und selbst als einfache Industriearbeiter fürstlich entlohnt wurden, werden wir auf der Verliererseite der gleichen unerbittlichen kapitalistischen Logik, mit der wir vormals triumphal andere vom Markt gefegt haben, weinerlich. Wir sind nicht einfach nur schlechte Verlierer, wir sind noch nicht einmal bereit zu akzeptieren, dass wir daraus Konsequenzen ziehen müssen. Wir wollen uns nicht ändern müssen, wenn sich die Zeiten ändern, wir wollen einfach wohlhabende Industriearbeiter bleiben, gleichgültig ob das realistisch ist. Wir wollen weiter Kohle abbauen, Fahrzeuge bauen und Herbizide herstellen wie seit Jahrzehnten und wir wollen weiterhin davon gut leben. Trotzig fordern wir die Vereinbarkeit des Unvereinbaren: Wohlstand und Gewinnergefühle für alle im kapitalistischem Wettbewerb, der nunmal auch Verlierer kennt – vor allem unter denen, die am Gestern hängen.
Der Monopoly-Effekt
Wir haben es wieder geschafft: Wir sind eher bereit die Wahrheit aufzugeben, als unsere Feind- und Selbstbilder. Wir sind gut und die anderen schlecht. Wenn es uns nicht gut geht, sind die anderen schuld. Und so driften wir politisch nach rechts, weil die Rechten (und nicht nur die Faschisten) diese Haltung bedienen. Wenn rechts sein aber bedeutet, dass wir Fakten leugnen müssen, dann sind nicht die Fakten falsch. In unserem Wohlstand und unserer Selbstverliebtheit haben wir es uns so bequem gemacht, dass wir alles als Affront auffassen, was sich nicht exakt auf unserer Linie bewegt, auch wenn es sich dabei um Tatsachen handelt. Wir ertragen die Wahrheit gar nicht mehr. Wir ertragen nur noch die ewige Bestätigung dessen, was wir ohnehin schon denken. Widerspruch halten wir schon lange nicht mehr aus und Gegenargumente wägen wir schon lange nicht mehr ab. Deshalb wird selbst unseren dreistesten Forderungen an den Staat nicht widersprochen, nicht von der Politik, nicht von den Medien, nicht von den Nachbarn. Wir wollen einfach mehr, egal auf wessen Kosten: der Ausländer, der Fairness, der eigenen Kinder.
Wir werden an unserem Wohlstand und unserer Unersättlichkeit ersticken. Und nein, wir sind nicht arm und auch nicht benachteiligt und auch nicht im Niedergang. Es ist genug Geld da, es ist nur ungleich verteilt. Man schaue sich nur den Goldpreis an, der seit Jahren unaufhörlich in die Höhe schießt, als wäre Geld unbegrenzt vorhanden. Denn viele wissen nicht mehr wohin mit dem Geld. Auch und gerade unter den AfD-Wählern: Man schaue sich nur ihre Spender an und diejenigen, die ihre Propaganda-Instrumente finanzieren, die sich als Social-Media-Plattformen oder Journalismus tarnen. Sie leben wie die Made im Speck und faseln davon, dass es ihnen oder Deutschland schlecht geht. Deshalb wollen sie auch nicht mehr Gerechtigkeit, sondern noch mehr Ungerechtigkeit. Sie verfolgen libertäre Ansätze, die nur denen Nutzen, die schon haben.
Trotzdem finden sie unter denjenigen, die nichts haben, Anhänger, weil die gerne bereit sind die Schuld an ihrem Dasein, anderen zu geben. Und weil sie sich für so genial halten, dass sie ebenfalls reich würden, sobald sie die Chance dazu bekommen und die anderen ihnen nicht mehr alles wegnehmen: die Ausländer, die Feministinnen, die Queeren, die Andersgläubigen, die Andersdenkenden. Die Rechten können sich auf den Monopoly-Effekt verlassen: Ein Spiel, das dazu geschaffen wurde, die Ungerechtigkeit und Willkürlichkeit der Welt zu zeigen, das die einen unverdient reich und die anderen chancenlos arm macht, wird ein Welt-Bestseller, weil jede:r sich an die Hoffnung klammert, durch etwas Glück ein reiches Arschloch zu werden, auch wenn das ganze Prinzip darauf hinaus läuft, dass alle anderen als arme Schlucker enden. Wir wollen lieber einmal Monopoly gewinnen und alles an uns raffen, während wir die „anderen“ in den Ruin treiben, als uns auf Augenhöhe gemeinsam an dem erfreuen, was genug für alle wäre. Ja, wenn wir uns in unserer Gier (gegenseitig) auslöschen, dann haben wir es wahrlich nicht anders verdient!
Aber warum geben wir armen Schlucker die Schuld nicht dem Kapitalismus, der uns in diesen unfairen Wettbewerb zwingt? Warum hassen wir die Asylbewerber, die die Not (und ja oft auch die wirtschaftliche) treibt, und nicht die Öl- und Gasindustrie, die uns das Geld aus den Taschen zieht, während sie unsere Zukunft zerstört?
Weil uns von klein auf die Vorstellung vermittelt wurde, dass wir unseres Glückes Schmied sind, dass der Kapitalismus gerecht ist und den Tüchtigen Wohlstand bringt und den Nichtsnutzen Armut. Genau deshalb ziehen wir auch ohne Hemmungen den Umkehrschluss, dass alle Armen faul sind (insbesondere wenn sie woanders her kommen). Wenn wir uns selbst aber nun ebenfalls von Armut bedroht sehen, dann liegt es natürlich nicht daran, dass wir faul sind, dann liegt es an den anderen. Unseren Wohlstand rechnen wir uns selbst zu und unsere Sorgen und Nöte den anderen. Alles, was wir haben, rechnen wir unserer fleißigen Behauptung im kapitalistischen Treiben zu, alles, was uns fehlt, unfairen Methoden der anderen, die uns auch noch um unseren verdienten Lohn bringen. Weil wir nicht verstanden haben, dass der Kapitalismus keinen Unterschied macht zwischen den Faulen und den Unglücklichen einerseits und Fleißigen und Glücklichen (Erben zum Beispiel) andererseits, geben wir uns lieber gegenseitig die Schuld als ihm. Uns wird vermittelt, dass im Kapitalismus Leistung belohnt wird, und deshalb blicken wir voller Ehrfurcht auf die Reichen – und voller Verachtung auf die Armen. Zu denen wir aus genau diesem Grund nicht gehören wollen, weshalb die Angst davor eine Panik bei uns auslöst, die auf nichts mehr Rücksicht nimmt, außer auf unser Ego.