(Ent-)Gendern: Organisation

Umfassendes Gender-Symbol
Umfassendes Gender-Symbol

Wie jeder andere Wandel auch sieht sich derjenige der Sprache einer Normalität gegenüber, von deren Fortbestand nicht wenige profitieren, sich andere darauf eingestellt, damit abgefunden oder sie nie in Frage gestellt haben. Trotzdem greift das Gendern zunehmend Raum. Seine Ausbreitung erstaunt, angesichts des oft angeführten Mangels an Rückhalt in der Bevölkerung: Denn Umfragen zu Folge lehnt die Mehrheit gendergerechte Sprache ab. Aus den Erhebungen geht jedoch nicht hervor, ob sich die Ablehnung gegen das Gendern generell richtet oder nur gegen ihre bekannten, konkreten Ausformungen mit all ihren Unzulänglichkeiten: Umständlichkeit, holpriger Sprachfluss, Binarität verstärkend. Schon Formulierungen der Fragestellung stehen bisweilen stellvertretend für einen ebenso umständlichen wie angestrengten Umgang:

„Nun eine Frage zu einer geschlechterneutralen Sprache, also der sogenannten Gendersprache. Dafür wird beispielsweise beim sogenannten ‚Binnen-I‘ nicht von Wählerinnen und Wählern, sondern in einem Wort von ‚WählerInnen‘ gesprochen, d.h. mit kurzer Pause vor dem ‚i‘. Außerdem werden beispielsweise aus den Zuhörern die Zuhörenden. Wie stehen Sie zur Nutzung einer solchen Gendersprache in Presse, Radio und Fernsehen sowie bei öffentlichen Anlässen?“

Während die umstrittene und für viele holprig anmutende Gender-Gap hier als zentral für eine „gendergerechte Sprache“ dargestellt wird, spricht die Fragestellung zugleich wie selbstverständlich von „Wählerinnen und Wählern“, obwohl sich die Forderung nach Sprachgerechtigkeit mit besonderer Vordringlichkeit am generischen Maskulinum entzündet hat, deren männliche Schlagseite weit über feministische Kreise hinaus Unduldsamkeit weckt, und obwohl das selbe Umfrage-Institut noch 2010 keine Wendungen verwendete, die Frauen explizit einschließen. So hieß es damals etwa:

„Wie ist das mit dem Beschluss in der gesetzlichen Krankenversicherung die Beiträge der Arbeitgeber künftig festzuschreiben und mögliche Konstensteigerungen dann durch Zusatzbeiträge der Arbeitnehmer aufzufangen?“

Schon die Rede von „Wählerinnen und Wählern“ bildet also die Verbreitung gendergerechter Sprache ab und gerne hätte man gewusst, inwiefern sich hierzu die Einstellung verändert hat. Ungeachtet der scheinbar ablehnenden Umfrage-Ergebnisse begegnet uns geschlechtergerchte Sprache im Alltag immer öfter, woraus nicht nur hervorgeht, dass das Verlangen nach gleichberechtigter Berücksichtigung besteht, sondern auch immer breitere Anerkennung findet. Mögen ihre aktiven Befürwortyr auch noch in der Minderheit sein, so versuchen doch immer mehr Menschyn gleichberechtigt zu formulieren — und zwar nicht nur Feministyn. Die Gender-Gap ist im Alltag zwar nur selten anzutreffen, die Nebeneinanderstellung dafür schon: Ganz selbstverständlich hören und lesen wir heute von Schülerinnen und Schülern, Bürgerinnen und Bürgern, Kolleginnen und Kollegen.

Die Entwicklung zu mehr Gendergerechtigkeit ist bereits in vollem Gange, doch ihre Vollendung ist noch fern und die damit verbundenen weiteren Auswirkungen auf den gewohnten Sprachgebrauch wecken Vorbehalte. Doch die gab es auch gegen andere Aspekte des Sprachwandels – man denke nur an die Rechtschreibreform -, die sich mittlerweile etabliert haben. Gegenüber konkreten Veränderungen regt sich – wie in so vielen anderen Zusammenhängen auch – Unmut, nicht jedoch gegen den dahinter stehenden universalistischen Anspruch: Gleichbehandlung für alle! Diesen ziehen noch nicht einmal Verfechter des generischen Maskulinums in Zweifel, geben die sich doch größte Mühe zu begründen, dass sich davon alle gleichermaßen angesprochen fühlen dürfen,  auch wenn Genese, Sprachempfinden und Studien das Gegenteil belegen.

Wie wir bei anderen Themen erleben, genügt grundsätzliche Zustimmung allein oft nicht, um einen Wandel herbeizuführen. Beim Klima- und Umweltschutz etwa besteht hohe Änderungsbereitschaft, dennoch gab es lange kaum Fortschritte und noch immer kommen die notwendigen Maßnahmen nur langsam in Gang. Bei geschlechtergerechter Sprache verhält es sich offenbar umgekehrt: Formal erfährt sie weniger Zustimmung, Veränderungen vollziehen sich derzeit aber in vergleichsweise hohem Tempo. Trotz verbreiteter Skepsis zeigt sich in der Sprache eine Entwicklung, wie wir sie beim Klimaschutz nicht erleben, obwohl der für unsere Zukunft von weitaus größerer Bedeutung ist.

Universalismus

Der Universalismus, dem wir allgemeine Gleichberechtigung sowie Freiheit verdanken und der unser grundsätzliches Verständnis des Zusammenlebens prägt, tut sicherlich seine Wirkung (vgl. Nix 2021, S. 232ff). Jener Hälfte der Bevölkerung, die vom generischen Maskulinum nicht angemessen repräsentiert wird, eröffnet genderneutrale Sprache die Möglichkeit dem entgegen zu wirken, und unter der anderen Hälfte finden sich viele, die ihnen nahe stehende Personyn oder generell andere nicht kommunikativ ausschließen wollen. Jede Ungleichbehandlung, sprachlich oder nicht und historisch begründet oder nicht, widerspricht in jedem Fall einem modernen Selbstverständnis, das allen Gleichwertigkeit beimisst und zugleich ein demokratisches ist.

Nun sind wir uns auch bei der Klimakrise dessen bewusst, dass jede Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Zerstörung der Lebensgrundlagen in offenem Widerspruch zur Gleichberechtigung nachfolgender Generationen steht. Auch hier bietet der Universalismus ein starkes Argument, doch offenbar ohne entsprechende Wirkung zu erzeugen. Alle guten Argumente für Klimaschutz verpuffen, gemessen am Ausstoss von Treibhausgasen, seit Jahrzehnten beinahe wirkungslos.

Die ähnlich alte feministische Bewegung erweist sich im Vergleich dazu als erfolgreicher. Dabei konnte sie sich nicht auf Machtpositionen, Institutionen, große finanzielle oder andere Ressourcen stützen. Die Verbreitung gendergerechter Sprache verläuft vielmehr auf ungewöhnlich fundamental-demokratischem Wege. Allein ihre zunehmende Verwendung macht die Frage nach ihrer Institutionalisierung immer drängender. Keine mächtige Organisation, sei es ein Staat, eine Verwaltung oder ein Unternehmen, und auch keine andere Institution haben das Gendern der Allgemeinheit verordnet, sondern umgekehrt die Allgemeinheit oder vielmehr ein anfangs kleiner aber stetig anwachsender Teil davon hat Institutionen und Organsiationen dazu veranlasst, ihren Sprachgebrauch zu überdenken. Gendergerechte Sprache verbreitet sich durch schlichten Gebrauch und geht nicht von Machtpositionen, sondern vielmehr gerade von marginalisierten Positionen aus: Frauen, Queers, Non-Binäre. Diejenigyn, die benachteiligt wurden und werden, suchen nach Wegen zumindest aus der sprachlichen Benachteiligung und stoßen damit über ihre Kreise hinaus mehr sprachliche Sensibilität und Veränderung an.

Organisation

Sprache bedarf keiner Organisationen, um sich zu verändern. Vielmehr geht sie diesen voraus. Es verhält sich somit genau umgekehrt: Organisationen bedürfen der Sprache, um zu funktionieren. Dabei müssen sie sich der Sprache derjenigyn bedienen, die sie bevölkern. Wenn ihre Mitgliedyr ihren Sprachgebrauch verändern oder neue Mitgliedyr einen anderen pflegen, verändert sich ihre Arbeitsgrundlage; und weil niemynd verhindern kann, dass Menschyn sich der Sprache anders bedienen, lässt sich ihr Wandel nicht aufhalten. Mächtige Organisationen, insbesondere Staaten können zwar Vorschriften darüber erlassen, was gesagt werden darf, gestehen damit aber bereits ein, dass genau das mindestens insgeheim gesagt, vor allem aber häufig gedacht wird. Darüber hinaus erlaubt der unendliche Reichtum sprachlicher Mittel es stets, Verbote zu umgehen. Schlussendlich triumphiert der Sprachgebrauch der Millionen über jede Regelung und jeden Machtapparat. Wenn gendergerechte Sprache nun immer weiter in unseren Alltag und in jede Organisation eindringt, obwohl vermeintlich die Mehrheit dagegen ist, dann besagt das nicht weniger, als dass Sprachsensibilität, wie sie sich eingebürgert hat, schon gar nicht mehr als neuartig wahrgenommen wird, weitergehenden Forderungen und damit einhergehend sprachlich Ungewohntem aber mit Skepsis begegnet wird. Haben wir es mit vorübergehenden Vorbehalten zu tun, wie sie so vielen Veränderungen begegnen? Oder sind die vorgeschlagenen sprachlichen Mittel zu sperrig?

Wir wissen es noch nicht. Was wir aber wissen: Gendersensible Sprache verdankt sich einem fundamental-demokratischem Momentum. Niemynd kann dazu gezwungen werden, bei aller Skepsis greift sie aber doch um sich. Die Defizite des althergebrachten Sprachgebrauchs sind für jedys offensichtlich, dys keine Zweifel am Anspruch auf universalistische Gleichberechtigung hegt. Myn kann mit dem generischen Maskulinum nicht zufrieden sein. Es ist allenfalls ein Notbehelf angesichts der Unbeholfenheit der deutschen Sprache. So lange es die Mehrheit nach Gleichberechtigung, immerhin der Grundlage ihres demokratischen Selbstverständnisses, verlangt, wird sie deshalb zwangsläufig sprachlich auch immer mehr Einzug halten (vgl. Niedermaier 2017, S. 384ff). Die Frage ist lediglich, welche Formulierungen sich durchsetzen.

Der Klimaschutz hat es demgegenüber ungleich schwerer: Er ist keine Frage fundamentaler Demokratie, sondern eine organisatorischer Entscheidungen. Dys Einzelne kann zwar nachhaltig leben und damit synen Beitrag leisten, von Unternehmen, Kommunen und Staaten verursachte klimaschädliche Emissionen enormen Ausmaßes finden aber dennoch statt. Auch der Aufforderungscharakter gegenüber Mitmenschyn ist verglichen mit gendergerechter Sprache geringer. Das Gendern konfrontiert yn Gegenübyr unmittelbar damit, sich entscheiden zu müssen, ob das damit ausgedrückte Verlangen nach Gleichberechtigung respektiert wird oder nicht. Wyr dann nicht sensibel formuliert, drückt Geringschätzung aus. Bei den Klimasünden jedoch, standen uns diejenigyn, die wir dadurch gering schätzen, lange Zeit nicht unmittelbar gegenüber. Seitdem die jungen Generationen ihre (gleich-)berechtigten Ansprüche auf einen intakten Planeten geltend machen, erfüllen uns unsere Verfehlungen jedoch zunehmend mit Scham.

Damit aus dieser Scham aber ein Wandel resultiert, bedarf es deutlich mehr Nachdruck als bei gendergerechter Sprache, weil große Teile unseres klimaschädlichen Lebensstils fest in industriellen Abläufen manifestiert sind, die mit enormen finanziellen Ressourcen einher gehen. Der fossil befeuerte Kapitalismus hat eben jene ins Zentrum der Geldflüsse gestellt, die an einer Änderung des Status quo das geringste Interesse haben. Die großen Gewinner des fossilen Zeitalters wären zwangsläufig auch die großen Verlierer eines Umstiegs auf Nachhaltigkeit. Das betrifft nicht nur eine Vielzahl einflussreicher Unternehmen, sondern auch große Teile des modernen konsum- und mobilitätsintensiven Lebensstils. Gendergerechtigkeit kämpft gegen sprachliche Konvetionen, Klimagerechtigkeit gegen materielle Interessen.

Regime

Ein Gutteil unseres gegenwärtigen Wohlstands beruht auf der Ausbeutung fossiler Energieträger und ein Gutteil unserer künftigen Probleme ebenfalls. Anders als Sprachwandel ist Klimaschutz lebenswichtig und deshalb auch in aller Munde, doch die tatsächlichen Resultate lassen zu Wünschen übrig. Es sind nicht nur schlichte, einflussreiche, finanzkräftige Interessen, die dem Klimaschutz im Wege stehen, auch die Struktur der modernen Gesellschaft erschwert eine effektive Neuausrichtung: Weil er in ihren Logiken eine untergeordnete Rolle spielt, haben die gesellschaftlichen Teilbereiche keinen Fokus darauf. Noch lässt sich in der Wirtschaft auch mit klimaschädlichen Geschäftsmodellen reichlich Geld verdienen; noch kennt das Recht keine grundsätzliche Handhabe gegen Klimasünden; und noch machen Massenmedien gerne auch mit Kontraproduktivem wie Selbstberuhigung oder Fatalismus Auflage. Bleibt noch die steuernde Aufgabe der Politik, die von Sozialwissenschaftlern gern bestritten wird (vgl. Zürn 1998; Luhmann 1986, S. 202ff): Im Ringen um Macht spielen klimapolitische Aspekte eine untergeordnete Rolle. Selbst in Demokratien, in denen Bürgyr mehr Klimaschutz einfordern, werden erklärte Absichten von republikanischen Institutionen beinahe allesamt zerrieben (vgl. Nix 2021, S. 104ff).

Sprache unterläuft diese Logiken funktionaler Differenzierung. Sie folgt nicht stur Rentabilität, Rechtmäßigkeit, Auflage oder Macht, sondern kann sich den üblichen Mustern entziehen und dennoch Wirkung erzeugen — durch schlichten Gebrauch. Kein Unternehmen, kein Gericht, keine Zeitung und kein Staat kommt ohne Sprache aus, diese umgekehrt aber ohne jene schon, und sie entwickelt sich auch jenseits davon fort. Die Macht der Sprache liegt in ihrem Mangel an Organisierbarkeit. Ressourcen lassen sich bündeln und durchsetzungsfähig organisieren, Sprache nicht. Aller Normierungswille sprachpolizeilicher Instanzen sieht sich regelmäßig dazu gezwungen, neue Entwicklungen einzuholen. Er folgt dem Sprachwandel mehr oder weniger unwillig nach, während er selbst wie so viele Institutionen eine konservierende Wirkung entfaltet.

Jene Organisationen und Institutionen, die Fortschritte beim Klimaschutz eher behindern denn befördern, finden keinen ausreichenden Zugriff auf Sprache. Diese ist niemyndes Eigentum, ist selbst keine zu allokierende Ressource und steht unter niemyndes Verfügungsgewalt. Sie steht allen gleichermaßen zur Verfügung. Für klimaschädliche Ressourcennutzung gilt all das nicht, was sie fundamental-demokratischen Ambitionen entzieht. Ebenso wie das „Gender-Regime“ erweist sich das Klima-Regime dort als besonders widerstandsfähig, wo es über viele Ressourcen und gefestigte Strukturen verfügt, wo es institutionalisiert und organisiert auftritt.

Siehe auch:

(Ent-)Gendern

(Ent-)Gendern: Wissenschaft

(Ent-)Gendern: Gesellschaft

 

Literatur:

Luhmann, Niklas (1986). Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen.

Niedermaier, Hubertus (2017). Wozu Demokratie? Politische Philosophie im Spiegel ihrer Zeit. Konstanz und München.

Nix, Heribert (2021). Wozu Liberalismus? Struktur, Krise und Perspektiven liberaler Demokratie. München.

Zürn, Michael (1998). Regieren jenseits des Nationalstaats. Globalisierung und Denationalisierungvals Chance. Frankfurt am Main

 

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