(Ent-) Gendern: Rationalität

Moderne Gesellschaften nehmen für sich ein hohes Maß an Rationalität in Anspruch. (vgl. Weber 1988 (1904); Loo und Reijen 1992 (1990), S. 132 ff.) Weder fürchten noch vertrauen sie in höhere Mächte. Sie fühlen sich nicht den Launen der Natur ausgeliefert, sondern erkennen in ihnen Gesetzmäßigkeiten, die sich für eigene Zwecke nutzen lassen. Alles will durchschaut und zum eigenen Vorteil angewandt, alle Mythen wollen entlarvt, Die „Entzauberung der Welt“ (Weber 1988 (1919), S. 594) vollbracht werden. Statt alten Gebräuchen oder Vorstellungen blind zu folgen, sollen sie auf ihre Zweckmäßigkeit hinterfragt und ggf. aufgegeben werden.

Rationalität orientiert sich hierbei stets an bestimmten Zwecken: höhere Erträge, mehr Effizienz, niedrigere Kosten, bessere Gesundheit. Bleibt die Zwecksetzung jedoch diffus, so gilt dies auch für Rationalisierung. Ohne klare Bestimmung kann sie nicht ausgerichtet und bemessen werden. Wenn myn nicht angeben kann, was erreicht werden soll, kann myn auch nicht feststellen, wie sich das am besten bewerkstelligen lässt. Rationalität bedarf eines Ziels und messbarer Kriterien, auf die hin optimiert werden kann.

Sprache war und ist von Rationalisierungen weitgehend ausgenommen. Einerseits blieb neuartigen Kunstsprachen wie Esperanto allen ingenieurmäßigen Optimierungsambitionen, die in sie geflossen waren, zum Trotz breite Akzeptanz verwehrt; andererseits stoßen Veränderungen häufig auf Vorbehalte. Heute nimmt Sprache mehr als die vormals so unerbittliche Natur die Eigenschaft einer Gegebenheit an. Während wir letztere immer mehr nach unseren Vorstellungen formen, folgt Sprache weiterhin uralten Gebräuchen und pflegt Mythen. Natürlichen Gegenständen begegnen wir mit bedingungsloser Rationalität, dem urmenschlichen Produkt Sprache dagegen mit höriger Ergebenheit. Wir fügen uns ihrer Launenhaftigkeit und den ihr eingeschriebenen Vorstellungen.

Wo wir davon loskommen wollen und wo die Moderne ihre größten Rationalisierungserfolge feiert, benutzen wir ein „partielles Schriftsystem“: (Harari 2013, S. 165) die Mathematik. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie Assoziationen mindert. Das Mehr an Abstraktion wird jedoch durch ein Weniger an Inklusion und Universalität erkauft. Ihr Anwendungsbereich ist beschränkt und so bleiben wir für Vieles auf gewöhnliche Sprachen angewiesen. Dass diese teilweise hartnäckig an vor- oder frühmodernen Gebräuchen festhalten, bewirkt einen Kontrast, der Befremden hervor ruft. Inmitten eines rationalistischen Selbstverständnisses konnten solche Defizite nicht unbeachtet bleiben. Aber kann und soll myn sie einem ebenso rationalen Diskurs unterwerfen?

Obwohl Streit durchaus ein nicht unbedeutendes Quantum ausmacht, zielen Genese wie Zweck der Sprache auf Verständigung. Erst durch dieses „Telos“ (Habermas 1981a, S. 387) bekommt der Streit als Scheitern daran seinen Charakter. Wäre Verständigung nicht angestrebt, wäre Streit so unproblematisch wie irrelevant; und sogar er mündet zumindest immer dann in eine Einigung, wenn myn sich darüber verständigt, wo die Differenzen liegen, wie das nicht nur in der Politik geschieht. Ein gut geführtes Streitgespräch legt zumindest die Gründe für den Dissens offen.

Aber nur weil der Sprache ein Zweck innewohnt, fühlen wir uns diesem noch keinen Schritt näher. Uneinigkeit dominiert unseren Alltag. Demokratie als moderne Regierungsform verschafft dem offenen Streit sogar eine Plattform, indem sie Meinungsverschiedenheiten nicht unterdrückt und offene Austragung erlaubt. Die Welt wirkt zerstritten und dennoch scheint über immer mehr Punkte sich Einigkeit auszubreiten: Sklaverei, Rassismus, Sexismus, Chauvinismus und Ausbeutung geraten immer weiter in die Defensive. \emph{Universalisierbare} Werte setzen sich nach und nach durch, werden auch dort immer häufiger eingefordert, wo sie lange Zeit kein Thema waren. Das alles geschieht auf Grundlage einer Sprache, deren Irrationalität dem Universalismus und Rationalismus oft genug im Wege steht. Was die Frage nahe legt: Ist es überhaupt möglich, mit irrationalen Mitteln einen rationalen Diskurs zu führen?

Auch unserem Naturverständnis stand anfangs nichts anderes zur Verfügung als ein mythenbehafteter Blick und dennoch erfolgte Schritt für Schritt eine Rationalisierung unserer Sicht auf die natürliche Welt. Offenbar ist es nicht unmöglich das Niveau des Rationalismus sukzessiv zu erhöhen. Warum sollte das nicht auch bei Sprachen möglich sein?

Universalismus

Wenn nun auch Sprache universalisierbaren Ansprüchen gerecht werden soll, dann spielt Gendersensibilität zweifellos eine gewichtige Rolle. Trotzdem wird dynjenigen, die gendergerechte Sprache einfordern, moralische Überheblichkeit vorgeworfen. Es stehe ihnen nicht zu, anderen vorzuschreiben, wie sie sprechen sollten. Doch steht es umgekehrt anderen zu, mich in beliebiger Weise zu bezeichnen? „Moment!“, würden viele sagen, „nicht in beliebiger, aber in üblicher Weise!“ Diese aber ist historisch gewachsen, mithin kontingent und somit zwar nicht beliebig, doch immerhin weder notwendig genau so noch unveränderlich.

Wyr anderen nun moralische Überheblichkeit vorwirft, weil sie von der Sprache Inklusion fordern, bewertet das auf verschlungenen Wegen historisch Gewachsene höher als ein begründetes Verlangen nach Universalismus. Das Bestehende bekommt einfach aufgrund seiner Beständigkeit ein Bestandsrecht zugesprochen. Es kommt das konservative Motiv eines Vorrechts aufgrund erster Besitznahme bzw. Anwesenheit ebenso zum Zuge, wie die neoliberale und damit neokonservative Vorstellung, dass Traditionen und Gebräuchen bereits eine überindividuelle Sinnhaftigkeit innewohnt, die jede individuelle Vernunft übersteigt. (vgl. Hayek 2005 (1960), S. 204 ff.) Man dürfe nicht ans Bestehende rühren, weil man damit ein empfindliches Gleichgewicht störe. Eigentlich macht eine solche Haltung jede Änderung unmöglich, doch der Neoliberalismus nimmt jeden Gebrauch von Eigentum von der Bindung an Traditionen aus. (vgl. Nix 2021, S. 175 ff.) Es resultiert eine heftige Verteidigung des Status quo hinsichtlich der Besitzansprüche gegenüber allen Forderungen nach Gleichberechtigung. Die Weihen des Bestehenden schützen so zwar Privilegien vor universalistischen Ansprüchen, aber nicht das Bestehende vor der so geschützten privilegierten Verfügungsgewalt über Ressourcen.

Was wir in Eigentumsfragen erleben, spiegelt sich auch in der Sprache wieder. Auch hier berufen sich Privilegierte auf das Bestehende, um universalistische Ansprüche abzuweisen, während sie zugleich selbst zu Veränderungen beitragen und neue Vokabeln, gerne auch abwertende, einführen. Wyr moralische Überheblichkeit wittert, wo Gleichberechtigung gefordert wird, hat entweder nicht erkannt, dass Sprache selbst als Machtinstrument wirkt oder aber setzt sie ganz bewusst genau als soches ein. So oder so muss yhm dann Identitätspolitik zwangsläufig als Machtkampf erscheinen. Aber lassen sich die Auseinandersetzungen überhaupt anders denn als Machtkampf führen, so lange Privilegien verteidigt werden? Wyr hat jemals Vorrechte kampflos aufgegeben?

Sprache mag die Möglichkeit zu Verständigung eröffnen und hierin auch ihren Ursprung haben, Konsens besteht dennoch in den wenigsten Dingen. Denn wo ein Konsens möglich ist, da ist es auch ein Dissens; und der liegt nahe, sobald Interessen divergieren. Warum sollte jemynd einer Vereinbarung zustimmen, die seine Interessen berührt? Wie soll ein Konsens möglich sein, wenn die Vorteile nicht allseitig sind?

Auf die Unmöglichkeit von Konsens reagiert die Demokratie. Sie liefert die einzige Grundlage zu einer legitimen Entscheidung, ohne die Gleichwertigkeit der Menschen abzustreiten, was allerdings die Inklusion aller Gesellschaftsmitgliedyr impliziert. Niemynd kann durch demokratischen Beschluss ausgeschlossen werden, ohne dass dieser Beschluss Gleichwertigkeit und somit die Demokratie selbst aufhöbe. Das erforderte auch das Zurücktreten aller Institionen mitsamt ihres inhärenten Konservatismus hinter fundamental-demokratische Mehrheiten. (vgl. ebd., S. 232 ff.)

Vollständiger Text:

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Siehe auch:

(Ent-)Gendern

(Ent-)Gendern: Wissenschaft

(Ent-)Gendern: Organisation

(Ent-)Gendern: Gesellschaft

(Ent-) Gendern: Inklusion

 

Literatur:

Habermas, Jürgen (1981a). Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankfurt am Main.

Harari, Yuval Noah (2013). Eine kurze Geschichte der Menschheit. München.

Hayek, Friedrich A. von (2005 (1960)). Die Verfassung der Freiheit. Tübingen.

Loo, Hans van der und Willem van Reijen (1992 (1990)). Modernisierung. Projekt und Paradox. München.

Nix, Heribert (2021). Wozu Liberalismus? Struktur, Krise und Perspektiven liberaler Demokratie. München.

Weber, Max (1988 (1904)). »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus«. In:
Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen, S. 17–206.

Weber, Max (1988 (1919)). »Wissenschaft als Beruf«. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen, S. 582–613.

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